[10]: 9 Kreuzer oder 2½ Ngr.
Auch andere deutsche Vergnügungen, welche bis jetzt in Amerika noch nicht recht heimisch werden wollten, haben unsere Landsleute dort einzubürgern gesucht, namentlich die in Deutschland jährlich wiederkehrenden Kirchweihen. Die Rheinländer feiern großentheils die Kirchweihtage ihrer Heimath, obschon das eigenthümliche Gepräge eines solchen Festes verloren geht, wenn es ausschließlich von Städtern gefeiert wird. Ich hatte Gelegenheit, in New-York die Dürkheimer Kirchweih mitzumachen, welche von Einwanderern aus dieser Stadt und deren Umgegend in einem Garten festlich begangen wurde. Bis auf die Kaufbuden, welche mangelten, hatte das Ganze ziemlich den Character einer deutschen Kirchweih, denn es wurden uns nicht allein in Fülle deutsche Brat-, Blut- und Leberwürste nebst Sauerkraut, sondern auch edler Pfälzerwein, ächter 46er geboten; auch fehlte dem munteren Kreise nicht das höchste Gut, welches uns Speis und Trank erst würzet, der Frohsinn und die Heiterkeit. Schöne Gesänge wechselten mit guter Musik ab, und die Feier schloß mit einem gemüthlichen Tänzchen und einem Toaste auf das geliebte deutsche Vaterland.
Ein anderes, jedes Jahr mehrmals wiederkehrendes Vergnügen sind die gemeinschaftlichen Ausflüge der Deutschen. Ein zu diesem Zwecke gewählter Comité miethet ein Dampfschiff für einen Tag, und Morgens 5 Uhr geht es mit Weib und Kind in's Freie. Diese Gesellschaften zählen oft 6-700 Personen, welche für einen Tag ihre Alltagsbeschäftigungen vergessen, um die freie Natur und das schöne Hudsonthal zu genießen. Gewöhnlich sucht man schon mehrere Tage vorher 25 bis 30 englische Meilen von New-York einen schönen Platz aus, um an demselben auszusteigen und sich zu vergnügen. Die Fahrt schon verbreitet allgemeine Lust; es fehlt nicht an kühlenden Getränken und guten Speisen, welche die sorgsamen Hausfrauen schon Tags vorher zubereiten, um die Freunde der Familie auch außerhalb New-York auf ein deutsches Gericht einladen zu können. In dem elegant ausgestatteten Schiffssalon spielt eine gute deutsche Musik, welche zum Tanze auffordert, und in bunter Reihe folgen Gesänge, Reden, Deklamationen u. s. w. Die Amerikaner machen sehr häufig diese Partieen mit, und erinnern sich ihrer immer mit großem Vergnügen, da sie unter sich selten so viel Herzlichkeit und Gemüthlichkeit finden.
Siebenzehntes Capitel.
Die Feier des Maifestes in New-York. Gesangvereine. Deutsche Bälle.
Der geneigte Leser wird aus dem vorigen Capitel ersehen haben, daß es dem Deutschen in Amerika keineswegs an geselligen Vergnügungen gebricht; einem Feste aber, welches alljährlich begangen wird, möchte ich vor allen anderen den Vorzug geben, nämlich dem Maifeste. Die vielen schönen Erinnerungen, welche sich an den ersten Mai, an den Verkündiger des Frühlings, und an die Heimath knüpfen, haben die Deutschen veranlaßt, diesen Tag auch in der Ferne nicht ungefeiert vorübergehen zu lassen, und so finden sich an demselben alljährlich viele Tausende zusammen, um im Freien die Schönheit des Lenzes zu genießen.
Die Deutschen kommen in Amerika und vorzüglich in New-York niemals bei einer außerordentlichen Gelegenheit zusammen, ohne einem Feste durch passende Reden eine höhere Weihe zu geben; am wenigsten dürfen diese an einem Freudentage, wie der erste Mai fehlen. Die Redefreiheit ist unbeschränkt; um jedoch der Gesellschaft wenigstens einige gediegene Vorträge zu sichern, ersucht der Festcomité immer schon acht Tage vorher einige beliebte Volksredner, an diesem Tage die Tribune zu betreten. Erst wenn diese geendigt haben, kann Jeder ohne Ausnahme um's Wort bitten, wobei dem Zuhörer natürlich unbenommen bleibt, zuzuhören oder sich zu entfernen.
Eines der schönsten Maifeste wurde im Jahre 1847 auf einer Anhöhe hinter Hoboken gefeiert, von wo aus man ganz New-York mit seinen Inseln übersehen und die Blicke weit hinaus auf die hohe See schweifen lassen konnte. In einem freundlichen Wäldchen wurde der Festplatz aufgeschlagen, die deutsche schwarz-roth-goldene Flagge zwischen zwei amerikanischen auf dem höchsten Baume aufgezogen und eine mit Laub- und Streuguirlanden geschmückte Tribune errichtet. Vormittags schon hatten sich Hunderte auf dem grünen Rasen gelagert, obschon die eigentliche Feier erst Nachmittags zwei Uhr beginnen sollte.
Die Eröffnung machte ein Männerchor, welchem mehrere vorzüglich ausgearbeitete Festreden folgten. Eingeborene Amerikaner, vorzüglich solche, welche der deutschen Sprache mächtig waren, hatten sich zahlreich eingefunden, und zu Aller Freude erschien kurz vor dem Beginne der verschiedenen Vorträge einer freundlichen Einladung zufolge der amerikanische Dichter Bryant[ [11], ein großer Verehrer deutscher Literatur und Musik. Er ergriff auf allgemeines Bitten auch das Wort und wies mit warmem Gefühl auf die Verdienste hin, welche sich die deutschen Einwanderer in Amerika erworben hätten, characterisirte den Forschungsgeist und den tiefen wissenschaftlichen Sinn unserer Nation, dem auch das amerikanische Volk so viel zu verdanken habe, und schloß mit einem Hoch auf den deutschen Genius und auf die Bande der Liebe, welche Deutschland und die Vereinigten Staaten für immer umschlingen sollen. Der Präsident des Festcomités erwiderte seine mit dem größten Beifall aufgenommene Rede, indem er den Wunsch aussprach, daß die schönen Beziehungen zwischen Amerikanern und Deutschen immer mehr an Innigkeit gewinnen möchten. Nach dem Schlusse der im Programme vorgeschriebenen Feierlichkeiten bildeten sich die muntersten und lebendigsten Gruppen in dem frischen Grün, Gesang mit Guitarrebegleitung und Musik schallten durch den Wald, und erst spät Abends kehrten die Theilnehmer in die Stadt zurück.
[11]: Bryant ist durch Ferd. Freiligrath, welcher einige seiner lyrischen Gedichte übersetzt hat, auch in Deutschland bekannt geworden.
Das ganze deutsche Leben in New-York hat durch den Gesang einen neuen Reiz erhalten. Diese schöne Blume, welche unserem Daseyn so manche reine Wohlgerüche spendet, ist von den eingewanderten Deutschen sorgfältig gepflegt und gewartet worden; jedoch bildete sich erst im Jahre 1847 in New-York ein größerer Gesangverein, welcher in wenigen Wochen gegen 120 active und passive Mitglieder zählte. Derselbe trennte sich zwar im ersten Jahre wieder, aber es waren so viele gute Sängerkräfte vorhanden, daß zwei Liedertafeln daraus entstanden, welche ziemlich strenge Kunstrichter befriedigen. Beide Vereine halten ihre regelmäßigen Proben, und geben öfters zahlreich besuchte Productionen. Bei den Amerikanern haben die Leistungen der deutschen Sänger eine solche außerordentliche Anerkennung gefunden, daß man sie zu verschiedenen Malen zur Mitwirkung in den größten Concerten einlud. Dadurch ermuntert, beschlossen sie im Winter 1848, in dem Alhambra-Salon, einer eleganten, im maurischen Style aufgeführten Restauration eine großartige Production zu geben, welche sich den entschiedensten Beifall von Seite aller Musikfreunde errang. Besonders erregte der »Speisezettel von Zöllner« viel Vergnügen, obschon die meisten Amerikaner von dem Texte nichts, als das Wort »beefsteak« verstanden.