Aus den Gesangvereinen haben sich verschiedene Quartette gebildet, welche schon manchen Freundeskreis mit ihrem Gesang erheitert haben; selbst die Ständchen sind durch sie in Amerika eingebürgert worden, und oft kann man um Mitternacht die schönen Liederklänge Deutschlands in den einsamen Straßen erschallen hören.

Eine weitere Abwechslung und Erholung geben die zahlreichen Bälle, welche jedoch das Unangenehme haben, daß sie wegen der strengen Sonntagsfeier niemals Sonnabends oder Sonntags gehalten werden können. Die gewöhnlichen Tage für Tanzvergnügungen sind daher der Montag, Dienstag und Donnerstag geworden. Versuche, das Tanzen auf dem Lande am Sonntag trotz Gesetz und Polizei durchzusetzen, sind einige Male durch hinzugekommene Constabler zum nicht besonderen Ergötzen der dabei betheiligten Damen vereitelt worden.

Die Zahl der Bälle in New-York ist außerordentlich groß, was in der Existenz der vielen Freimaurerlogen, Krankengesellschaften, politischen und anderen Vereinen seinen Grund hat, welche sie insgesammt als eine willkommene Gelegenheit benützen, ihren Kassen den so nothwendigen Zuschuß zuzuführen. Zu dem Ende sendet immer der Ballcomité eines Vereins an seine Bekannten und Freunde Einladungskarten, welche mindestens einen Dollar kosten; es kommt jedoch sehr häufig vor, daß für sie 2-5 Dollars bezahlt werden müssen, was natürlich Manchen hindert, ein so theures Vergnügen mitzumachen. Männer, welche wegen ihrer Geschäftsverbindungen oder wegen ihrer politischen Stellung eine ausgedehnte Bekanntschaft besitzen, können sich buchstäblich vor solchen Ballkarten gar nicht retten, die eine um so größere Last für sie sind, da sie die Sache mit dem Bezahlen derselben allein nicht abmachen können, indem man auch noch ihr persönliches Erscheinen auf dem Balle erwartet.

Die deutschen Bälle tragen ziemlich denselben Character, wie in Deutschland, während die amerikanischen sich mehr den französischen und englischen annähern; doch werden auf ihnen auch deutsche Tänze getanzt. Maskenbälle sind gänzlich unbekannt, da sie verboten sind, und man muß deßhalb auf ein Vergnügen verzichten, welches sich in einigen Städten des deutschen Vaterlandes wegen der besonderen Pracht, des guten Humors und des trefflichen Geschmackes, wie z. B. in Mainz, Cöln und München, einen beinahe classischen Namen errungen hat. Die Deutschen haben wohl in Privatzirkeln kleine Maskenscherze aufgeführt, es kann aber ein solches Vergnügen wenig Reiz gewähren, wenn sich sämmtliche Theilnehmer schon vorher kennen, und sie im Falle des Bekanntwerdens noch gesetzliches Einschreiten zu gewärtigen haben.

Eine Eigenthümlichkeit der New-Yorker Bälle ist auch noch die, daß die Herren ihre Damen nach 12 Uhr zur Table d'hôte führen, welche ohngefähr eine Stunde dauert und dazu beiträgt, das Tanzvergnügen noch etwas kostspieliger zu machen, als man es in Deutschland gewohnt ist. Während dieser Pause werden bei den Deutschen sehr oft Quartette gesungen, die gewöhnlich diejenigen Gäste sehnlich herbeiwünschen, welche keine Freunde einer so späten und theuern Tafel sind.

Achtzehntes Capitel.
Das Leben und die Sitten der Amerikaner. Ihre Religiosität. Temperenzmänner. Rechte der Frauen.

Es läßt sich nicht in Abrede stellen, daß die Deutschen manche Sitten und Gebräuche von den Amerikanern angenommen haben; dieses kann man sich aber aus den vielen gegenseitigen Berührungen leicht erklären. Im Wesentlichen ist jedoch das Leben und das Thun und Treiben der Eingebornen ein ganz anderes. Während der Deutsche ein offenes und zutrauliches Gemüth zeigt, bleibt der Amerikaner mehr in sich selbst zurückgezogen, und ist nur dann redselig, wenn er in seinem Geschäfte steht und Geld verdienen will, oder wenn ihn eine wichtige politische Streitfrage beschäftigt. Begegnen sich befreundete Amerikaner am Tage auf der Straße, so gehen sie mit einem flüchtigen Gruße an einander vorüber, denn die Zeit des Verdienstes ist da, in welcher Keiner den Andern aufhält; die Deutschen dagegen müssen einen kleinen Halt machen und ein Wort mit einander wechseln, und wenn sie nur fragen: Wie geht es? Was macht die Frau? u. s. w. Nichts characterisirt den Amerikaner mehr, als seine Vorliebe zum Geld, ja man kann sagen, daß er oft den Menschen nur nach seinen Vermögensverhältnissen beurtheilt. Macht er eine neue Bekanntschaft, so unterläßt er nicht zu fragen, »wie viel sie werth sey«, und die Antwort erst gibt ihm den Maßstab zur höheren oder niederen Achtung. Er scheut keine Gefahren, um reich zu werden; er geht in die Lager der Indianer und wagt seine Kopfhaut, um ein gutes Geschäft zu machen, und durchdringt die Urwälder, um sich neue Absatzquellen zu eröffnen. Seine zähe Ausdauer ist wahrhaft bewunderswürdig; er arbeitet rastlos fort, wenn er Millionen erworben hat, läßt seine Thätigkeit aber nicht sinken, wenn ihn eine unglückliche Spekulation um Alles gebracht hat; er fängt wieder von vorne an, und seine alten Geschäftsfreunde unterstützen ihn nach Kräften, wenn er keinen betrügerischen Bankerott gemacht hat; gerade Diejenigen, welche durch ihn Verluste erlitten haben, suchen ihn wieder in die Höhe zu bringen, da sie nur in diesem Falle an einen Wiederersatz denken dürfen. Beispiele hiervon finden sich in New-York, wo mehrere Kaufleute in Bezug auf ihre Vermögensverhältnisse den merkwürdigsten Glückswechsel erfahren haben; heute noch Millionaire, waren sie am anderen Tage Bettler, um in wenigen Jahren wieder als vermögende Männer dazustehen.

Schon an dem Anzuge erkennt man den Amerikaner und den Deutschen. Der Letztere kleidet sich in die verschiedensten Farben, der Erstere liebt, der großen Mehrzahl nach, und besonders, wenn er dem Handelsstande angehört, den schwarzen Frack oder Rock, die schwarzen Beinkleider und den schwarzen runden Hut. Nur während der heißen Jahreszeit vertauscht er diese dunkle Tracht mit hellen und leichten, entweder blau und weiß oder roth und weiß gestreiften Baumwollenkleidern. Die Klasse der Arbeiter, welche natürlich keine Rücksichten auf feine Stoffe und eleganten Schnitt nehmen kann, erkennt man aber fast ohne Ausnahme an der wachstuchenen Mütze, welche sich auch die deutschen Handwerker gleich nach ihrer Ankunft zulegen, da sie nicht allein die gewöhnlichste und leichteste, sondern auch die billigste Kopfbedeckung ist. Der Amerikaner sieht in den Wochentagen wenig auf äußere Eleganz – den Geschäftsmann genirt ein Loch im Aermel sehr wenig –; dafür nehmen sie streng Rücksicht auf Reinlichkeit in der Wäsche, und selbst der schlechtbezahlteste Arbeiter wechselt wöchentlich drei bis vier Mal frische Hemden, obschon dies in New-York eine bedeutende Ausgabe verursacht, da für das Dutzend ohne allen Unterschied, ob es Sacktücher, Vatermörder oder Hemden sind, ¾ Dollar gezahlt werden müssen.

Obschon die Amerikaner, insbesondere nach unseren Begriffen, sehr wenig gesellig sind, so habe ich doch Mehrere kennen gelernt, welche das deutsche Leben sehr anzog. Vor Allem will ich hier eines jungen Mannes aus Virginien Erwähnung thun, welcher Medicin studirte und in dasselbe Haus zog, in dem ich wohnte, um dort Deutsch zu lernen, da er nach Vollendung seines akademischen Studiums in New-York zu seiner weiteren Ausbildung einige Jahre in Berlin zubringen wollte. Schon in seiner Heimath Virginien hatte er von einem Deutschen so viel Kenntniß von unserer Muttersprache erlangt, daß er Schillers Gedichte ziemlich fertig lesen und verstehen konnte. Namentlich interessirte er sich sehr für die deutschen Zustände und fragte zuweilen nach dem Grunde und der Ursache mancher deutschen Staatseinrichtungen mit einer Naivität, welche selbst einen vormärzlichen Staatsmann in Verlegenheit gesetzt haben dürfte, da seine Polemik gegen dieselben von vieler Klarheit und angeborner Freisinnigkeit zeugte und außerdem sehr ruhig und natürlich war. Am wenigsten konnte er das Wesen der Censur begreifen; ich mußte ihm erst eine Geschichte dieses Instituts und eine Schilderung seiner eigentlichen Thätigkeit geben, bis er sich von demselben eine richtige Vorstellung machen konnte. Oft sprach er seine Verwunderung gegen mich darüber aus, daß das deutsche Volk bei dem Bestehen der Censur sich in geistiger Beziehung so hoch emporschwingen konnte, während das amerikanische bei aller seiner Freiheit die Wissenschaften bis jetzt noch viel zu wenig cultivirt habe. Ferne von aller Engherzigkeit verkannte er die Tugenden und Vorzüge der Deutschen nicht, liebte und achtete aber, wie jeder Amerikaner, sein Vaterland wieder viel zu hoch, um dessen Freiheit und Wohlfahrt nicht höher zu schätzen, als Deutschlands literarische Größe.

Wie die meisten Amerikaner hielt auch er ungemein viel auf die strenge Feier des Sonntags, welche den Deutschen einen reichhaltigen Stoff zu Raisonnements liefert. Es gibt auch wohl kaum etwas Lästigeres, als die Beobachtung von Gesetzen, die aus den Sonntagen einen jede Woche regelmäßig wiederkehrenden Buß- und Bettag gemacht haben. Der Amerikaner geht Sonntags wenigstens zweimal in die Kirche; vielfach besucht er aber auch den Abendgottesdienst, welcher im Winter bei Licht gehalten wird. Man ist sogar so weit gegangen, es als die Pflicht eines verlobten jungen Mannes zu betrachten, daß er seine Braut Sonntags zweimal zur Kirche führt. In den gebildeteren Familien ist man mit dieser Art Sonntagsfeier noch nicht einmal zufrieden, sondern es wird auch noch der Abend religiösen Betrachtungen gewidmet und mit dem Singen geistlicher Lieder oder dem Spielen von Chorälen und Kirchenmusik auf einem Claviere hingebracht. Ich habe immer diese übertriebene Religiosität für einen krankhaften Auswuchs gehalten, wofür namentlich auch die Thatsache spricht, daß der amerikanische Sonntagsbetbruder sich nicht im Geringsten genirt, am folgenden Montage seinen Mitchristen auf die schändlichste Weise zu prellen und zu übervortheilen. Trotz dem Zuschautragen religiöser Gefühle und Empfindungen glaube ich doch, daß in Deutschland, obschon da vielfach getanzt, musicirt und getrunken wird, eine tiefere Frömmigkeit zu finden ist, als in New-York, wo man großentheils mit der Beobachtung der äußeren Formen zufriedengestellt ist. Ich kenne nur eine Tugend, welche aus diesem scheinheiligen Treiben der Amerikaner hervorgegangen ist, nämlich ihr Abscheu gegen das rohe Fluchen, Schwören und Schimpfen, welches man bei den Deutschen leider so häufig findet. Außerhalb des Geschäftslebens ist der Amerikaner auch sehr wahrheitsliebend, und man kann ihn nicht empfindlicher beleidigen, als wenn man ihn der Lüge zeiht. Diese Injurie wird auch vom Gesetze besonders strenge geahndet! Besonders anerkennend muß ich hier bemerken, daß sich der Amerikaner trotz der strengen Beobachtung äußerer Religiosität und seiner Anhänglichkeit an seinen Gottesdienst doch ganz von den Vorurtheilen gegen Andersdenkende losgemacht hat und die Intoleranz kaum dem Namen nach kennt. Am schönsten hat er dies im Jahre 1847 bei Gelegenheit der Revision der Verfassung des Staates New-York bewiesen, gemäß welcher man vor den Gerichtshöfen dieses Staates den Eid in beliebiger Form leisten kann, ohne daß dessen Rechtsgültigkeit im Geringsten angefochten werden kann. Vorurtheile, wie man sie in Europa und namentlich in Deutschland gegen die Israeliten hegt, sind dem Amerikaner vollkommen fremd; er macht keinen Unterschied zwischen Juden und Christen, sondern achtet den am meisten, welcher seine Würde als Mensch am besten zu wahren versteht.