Hand in Hand mit ihrem äußeren Frömmigkeitswesen gehen die ebenso einseitigen Bestrebungen der Mäßigkeitsprediger (Temperenzmänner), welche ihren Fanatismus so weit treiben, daß sie den Genuß von Wein, Bier und aller Art von Spirituosen gänzlich verbieten. Man sollte kaum glauben, daß für eine solche Lehre viele Anhänger zu gewinnen wären; zu meinem größten Erstaunen hat sie diese aber gerade in einem Stande gefunden, welcher sonst die wenigste Neigung zur Mäßigkeit hat und stärkende Getränke auch am wenigsten entbehren kann, nämlich im Stande der Arbeiter. Die Grundsätze dieser Temperenzmänner haben eine unglaubliche Verbreitung gefunden, die übrigens leicht erklärlich wird, wenn man die rastlose Thätigkeit und die unermüdliche Agitation dieser Leute kennt. Sie sind gut organisirt und in Logen eingetheilt, aus welchen zunächst ihre Propaganda hervorgeht, die sich besonders Sonntag Nachmittags in der Nähe des Hafens sehr bemerkbar macht. Irgend ein Mitglied, welches sich hinreichende Rednergabe zutraut, die die Amerikaner überhaupt, an öffentliches Leben gewöhnt, mehr oder weniger besitzen, besteigt mitten in der Straße einen Tisch oder Stuhl und hält einen von dem heftigsten Geberdenspiele begleiteten Vortrag, in welchem dem Zuhörer auf das bündigste bewiesen wird, daß nur die vollkommene Enthaltung von allen geistigen Getränken den Menschen physisch und moralisch gut erhalten könne, und selbst der mäßigste Genuß wegen des verführerischen Reizes zur Ausschweifung gefährlich sey. Eine Unmasse von Traktätleins in allen Sprachen zählt die grauenhaftesten Historien von Gatten-, Kinder- und Vatermord und anderen haarsträubenden, im Zustande der Trunkenheit verübten Verbrechen auf, um das Gemüth des Lesers zu erschüttern und zur Aufnahme der Temperenzlehre geneigt zu machen. Abscheulich gezeichnete Bilder, welche den Künstler mit Grauen erfüllen, sollen solche Scenen noch mehr versinnlichen, und mögen bei zur Schwärmerei geneigten Naturen ihres Eindruckes auch nicht verfehlen.
Mehr aber, als alle Traktätlein und schlechten Reden der Temperenzmänner hat die schlaue Berechnung ihnen Anhänger gewonnen, daß sie nur solchen Arbeitern einen Verdienst zuwenden, welche in ihren Mäßigkeitsbund eingetreten sind. Sie haben sogar eigene Dienstbotenbureaux errichtet, in welchen Temperenzdienstboten gesucht werden, die sich über ihre wirkliche Mitgliedschaft förmlich ausweisen müssen. Ihre Lebensmittel kaufen sie nur bei Temperenzmännern, da die anderen Spezereihändler sämmtlich Spirituosen verkaufen und deren Waaren sonach nicht koscher sind.
Die unsinnige Lehre dieser Leute, welche dem Menschen selbst den vernünftigsten und mäßigsten Genuß der edlen Gaben Gottes entzieht, führt ebenfalls zur Heuchelei, zur Verstellung und zum Meineid; mancher Temperenzmann, welcher beim Anblicke eines Glases Wein oder Bier scheinheilig die Augen verdreht, hat zu Hause einen geheimen Schrank in der Wand, in welchem Getränke aller Art verborgen sind. Ein Deutscher, der längere Zeit in Boston gelebt hat, erzählte mir, daß er manchen vergnügten Abend mit Temperenzmännern bei der Punschbowle zugebracht habe, von denen Niemand erwartete, daß sie ihre Satzungen übertreten würden.
Dieser Unfug hat auch in New-York sehr um sich gegriffen; der Mäßigkeitsmann genießt aber dort, da er sich nicht ganz auf Wasser setzen will, ein Wurzelbier von bitterem Geschmack, das s. g. root-beer, welches nicht berauscht. Den wenigsten Anklang hat diese Art von Enthaltsamkeit bei den Matrosen gefunden, denen man übrigens einige Sympathie für einen solchen Verein wünschen möchte.
Wie ich schon mitgetheilt habe, lebt der Amerikaner vorzüglich seinem häuslichen Kreise, weßhalb auch gemeiniglich seine Zimmer viel eleganter und wohnlicher eingerichtet sind, als bei den Deutschen. Selten logiren in einem Hause mehr als zwei Familien, da er Ruhe und Stille in seiner Wohnung liebt, wenn er sich von dem Geräusche seines Geschäftes zurückgezogen hat. Er geht aber auch zuweilen in dieser Beziehung zu weit, da er häufig kein Quartier an Leute vermiethet, welche kleine Kinder oder Hunde und Katzen haben, weil er von ihnen Lärmen und Unreinlichkeit befürchtet.
Die Privatwohnungen sind sämmtlich Tag und Nacht geschlossen, und muß man erst durch das Ziehen einer Klingel seine Anwesenheit melden. Beim Eintritt in die Hausflur fällt die durch bunte Fenster und bemalte Vorhänge gedämpfte Beleuchtung auf, welche sonderbar gegen die außen herrschende Tageshelle absticht. Eine ähnliche Dämmerung findet man während der Sommerzeit in den nach der Morgenseite liegenden Zimmern, da grüne Jalousieladen an allen Fenstern zum Schutze gegen die heißbrennende Sonne angebracht sind. Auf den Treppen liegen hübsche Teppiche (carpets), welche man noch schöner und geschmackvoller in den bewohnten Räumen findet, die dadurch viel heimischer werden. Die Gemächer, wie das ganze Innere des Hauses, sind entweder tapezirt, oder, was man noch häufiger trifft, mit hellen Oelfarben gemalt, was einen sehr freundlichen Eindruck macht. Auf letztere Einrichtung hat mehr die Nothwendigleit, als der Luxus hingewiesen, da sich hinter den Tapeten im heißen Sommer gerne Wanzen ansetzen, welche sich in vielen Häusern New-Yorks in fast unglaublicher Anzahl eingenistet haben, um die Bewohner derselben bei Nacht auf das Furchtbarste zu quälen. Auch die Muskitos[ [12] sind an den gemalten Wänden eher zu entdecken.
[12]: Die Muskitos sind in New-York schon sehr häufig, obschon sie dort noch nicht so lästig sind, wie weiter gegen Süden, namentlich in New-Orleans, wo ihre Stiche sogar Narben zurücklassen. Mir war es nicht möglich, ein Auge zu schließen, wenn nur eine von diesen summenden Fliegen, welche nicht allein empfindlich stechen, sondern auch eine Anschwellung der getroffenen Theile veranlassen, im Zimmer war. Man kann sie leicht entfernt halten, wenn man beim Eintritt der Abenddämmerung zeitig die Fenster schließt. So lange Licht brennt, verhalten sie sich ruhig, weßhalb man diese Zeit benutzt, sie zu vertilgen. In meiner ersten Wohnung mußte ich regelmäßig jede Nacht eine Wanzen- und Muskitojagd abhalten.
Die Meubles sind geschmackvoll und elegant, und werden neuerdings in New-York in großer Menge angefertigt, um als Handelsartikel in das Innere des Landes zu gehen. Gegen die früheren Jahre führt man jetzt sehr wenige mehr von Europa ein, was dem Lande ein bedeutendes Capital erhält. Ein Hauptmeubel der Amerikaner ist der beliebte Schaukelstuhl, welcher in keinem Zimmer fehlen darf, und bei den ärmeren Classen die Stelle des Sophas vertritt. Sitz und Rücklehne dieser Art Großvatersessel sind stark nach hinten geneigt, um den Stuhl leichter in Bewegung setzen zu können, dessen Beine, wie bei einer Wiege, in starken gekrümmten Leisten festgemacht sind. In diesem hält die Frau ihre Siesta und bringt in ihm auch wohl ihre meiste Zeit zu, wenn der Herr des Hauses ein reicher Mann ist und über eine schöne runde Summe Dollars zu gebieten hat. Die reiche Amerikanerin arbeitet durchschnittlich wenig oder gar nichts, sie kocht nicht, sie näht nicht, sie strickt nicht, sondern sie putzt sich, geht oder fährt spazieren und besucht die reichen Modewaarenlager, um dem Herrn Gemahl eine hübsche Rechnung auf's Comptoir schicken zu können, die er bezahlen muß, wenn ihm auch zuweilen eine solche Post nicht sehr angenehm ist. Sie geht nur im höchsten Staate, in seidenen Kleidern, theuren Shawls und anderem kostspieligen Putze aus, versteht es aber nicht, sich so geschmackvoll und elegant, wie die Französin, zu tragen, obschon ihr Anzug manchmal zehnmal mehr kosten mag. Im eigentlichen Bürger- und Arbeiterstande sind die Verhältnisse freilich anders, denn dort ist auch die Frau thätig, obschon sich auch diese in keiner Beziehung mit der deutschen Hausfrau messen darf.
Die Frauen genießen in Amerika manche Rechte, von denen sie fleißig Gebrauch machen. Vor Allem haben sich junge Leute, namentlich wenn sie ein eigenes Geschäft oder sonst Vermögen haben, sehr in Acht zu nehmen, mit Mädchen viel zu verkehren, welche sie nicht heirathen wollen, da diese oft aus einer auch nur oberflächlichen Bekanntschaft Heirathsansprüche herleiten. Namentlich möge sich jeder Mann vor einem Eheversprechen etc. hüten, da er ohne Gnade die klagende Frauensperson heirathen muß. Nur durch die Flucht in einen anderen Staat kann er den Ehefesseln entgehen und seine Freiheit erhalten. Namentlich stehen die Irländerinnen bei den Deutschen in Beziehung auf diesem Punkt in einem schlechten Renommée, und Viele gehen ihnen schon von Weitem aus dem Wege. Eine bessere Einrichtung ist die, daß der Mann seine Frau nicht züchtigen und mißhandeln darf, sollte er auch zur Strafe die gegründetste Veranlassung haben. Trotz des gesetzlichen Verbotes kommt doch in den weniger gebildeten Ständen zuweilen ein solcher Fall vor, welcher dann die Inhaftirung des Herrn Gemahls zur Folge hat. Jedoch wird dieser nach kurzem Arrest gewöhnlich von der zärtlichen Ehefrau selbst wieder zurückgeholt, da es diese ohne ihn in der Einsamkeit des Hauses nicht mehr aushalten kann, und bei längerem Sitzen die Familie ohne Ernährer seyn würde.
Dem einwandernden Deutschen fällt aber besonders auf, daß der Ehemann mit dem Korbe am Arm auf den Markt geht, um Fleisch, Eier, Kartoffeln und andere in einem Haushalten nothwendige Dinge einzukaufen; die Deutschen haben zum Theil diesen Gebrauch ebenfalls angenommen, da wegen allzu hohen Lohnes die kleineren Familien keine Dienstboten annehmen können; andererseits wollen freilich wieder Viele behaupten, daß zu einem solchen Geschäfte sich nur ein Mann hergäben könne, welchen seine Frau unter ihren Scepter, d. h. unter den Pantoffel gebeugt habe. Am wenigsten will aber unseren Landsleuten gefallen, daß sich die amerikanischen Frauen das Rauchen verbitten; ja viele gehen so weit, daß sich der Mann nicht einmal in seiner eigenen Behausung eine Cigarre anstecken darf. Häufig wurde ein Deutscher, welcher eine Amerikanerin geheirathet hatte, in deutscher Gesellschaft geneckt, daß er sich einem solchen Befehle seiner Frau gefügt habe, welche sich am ersten Tage der Flitterwochen das Rauchen in ihrem Hause energisch verbat. Für diese Entbehrung sucht sich der Amerikaner auf eine andere, weniger angenehme Weise zu entschädigen, er – kaut Tabak. Diese ekelhafte Sitte ist in New-York sehr allgemein; aber je näher man den eigentlichen Tabakländern kommt, je häufiger wird diese unappetitliche Gewohnheit.