Neunzehntes Capitel.
Die Küche der Amerikaner. Der Neujahrs- und der Valentinestag. Ihre Gastfreundschaft.

Wir haben die Mäßigkeit bereits als eine Tugend der Amerikaner kennen gelernt, welche sie bei dem Genusse der Speisen ebenso, wie bei dem der Getränke beobachten. Ihr Tisch ist immer mit verschiedenen Gerichten besetzt, doch erscheinen sie trotz ihrer Anzahl dem Deutschen manchmal gar zu sehr en miniature aufgetragen. Das Frühstück besteht aus Kaffee, Butter, Brod, Fleisch und Eierspeisen, das Mittagsmahl aus verschiedenen Sorten Fleisch mit Salat, Mehlspeisen, Kartoffeln und Gemüse. Letzteres wird von ihnen in einer Weise bereitet, welche dem deutschen Magen nicht genehm ist, da dasselbe, einfach mit kochendem Wasser angebrüht, auf die Tafel gebracht wird. Jeder richtet es sich nach seinem Geschmacke zu, indem er es mit Salz, scharfen Gewürzen, unter denen der spanische Pfeffer eine Hauptrolle spielt, Essig und Oel in eine Art Salat umwandelt, der mir im Innersten zuwider war. Abends gibt es außer dem nie fehlenden Fleische stets Thee und Butterbrod, welches sie ebenso künstlich und niedlich zu schneiden verstehen, wie die Norddeutschen ihre Butterbemmen. Eigenthümlich ist es, daß der Amerikaner eine Lieblingsspeise der Deutschen – das so hoch gepriesene Sauerkraut – förmlich verabscheut, wie er überhaupt die Gemüse nicht liebt, wenn sie nach unserer Weise zubereitet sind. Er genießt auch weniger die Sorte Kartoffeln, welche wir in Deutschland haben, sondern eine andere, meines Wissens in Europa gänzlich unbekannte, welche in der Form unseren sogenannten Mäusen gleicht, an den Enden jedoch ganz spitz ausläuft, sehr mehlreich ist und einen ganz süßen Geschmack hat. Ich kenne jedoch nur wenige Deutsche, welchen sie zusagte. Die von uns so sehr geliebte Suppe wird von ihnen äußerst selten genossen.

Die Lieblingsspeisen der Amerikaner sind beefsteak, roast-beef, Schinken mit Eier und Geflügel; letzteres wird besonders in ungeheurer Menge consumirt. Der Truthahn und die Gans haben von dem Federvieh den Vorzug, obschon der deutsche Gaumen manchmal sehr empfindlich berührt wird, wenn er eine Gans zu schmecken bekommt, welche während ihrer Zeitlichkeit mit kleinen von der See ausgespülten Fischen gefüttert wurde, wodurch sie einen thranigen Geschmack bekommt. Außerdem sind noch Seefische und Austern sehr von ihnen geliebt.

Der Deutsche hat sich nicht von seiner vaterländischen Küche losgesagt, jedoch von der amerikanischen das angenommen, was ihm zusagte, weßhalb sein Tisch ohnstreitig besser ist.

So enthaltsam und mäßig die Amerikaner sind, so haben sie doch auch einen Tag im Jahr, wo sie sich ausnahmsweise den Freuden der Tafel hingeben. Es ist dies der erste Januar, den sie auf eine eigenthümliche Weise feiern. Während in Deutschland das Neujahrgratuliren als etwas Lästiges immer mehr in Abnahme kommt, ist es dort so allgemein im Brauch, daß nicht allein alle Freunde und Bekannte sich Glück zum neuen Jahre wünschen, sondern selbst der Maire an diesem Tage eine Gratulations-Audienz von 11 bis 2 Uhr im Stadthause ertheilt, zu der sich Tausende von Menschen drängen. Diese empfängt er stehend in seinem Bureau, in welches der Reihe nach die Bürger eintreten, ihm ohne Ausnahme die Hand reichen und ihm einfach mit den Worten: »I wish You a happy new year Sir!«[ [13] ihre Glückwünsche darbringen, worauf er dankend erwidert: »I thank You Sir!«[ [14] Von einem längeren Gespräche mit ihm kann keine Rede seyn, da eine große Menschenmenge bereits darauf wartet, ihn ebenfalls zu begrüßen. Nach stattgefundener Gratulation, die nicht länger als zwei Sekunden währt, tritt man in ein Nebenzimmer ab, in welchem Limonade und Gebackenes gereicht wird, was jedoch nur die Wenigsten annehmen.

[13]: Ich wünsche Ihnen ein glückliches neues Jahr!

[14]: Ich danke Ihnen mein Herr!

In den Familien sind an diesem Tage die Tische mit Speisen und Getränken reich besetzt und Jeder, der sich einfindet, ist willkommen. Niemand wartet eine Einladung zum Zulangen ab, sondern versieht sich ohne weitere Umstände mit dem, was ihm zusagt. Am Neujahre wird auch ein Räuschchen entschuldigt, da der herumwandernde Neujahrwünscher überall ein Glas trinken muß; selbst den Damen sagt man nach, daß sie diesem Tag zu Ehren sich bereden lassen, Etwas mehr wie gewöhnlich von den gefüllten Gläsern zu nippen.

Außer dem ersten Januar gibt auch der Valentinestag Veranlassung zu netten Witzen. Es ist nämlich an diesem Tage Sitte, Bekannten und Freunden sogenannte Valentines zu schicken, welche aus Bildern der verschiedensten Art mit geschriebenen oder gedruckten Reimen und Gedichten bestehen. Das Scherzhafte liegt besonders darin, daß sie anonym einlaufen und deßhalb der wirkliche Absender oft gar nicht errathen wird. Die Bilder enthalten Anspielungen, Carricaturen, Neckereien u. s. w. und werden in unglaublicher Anzahl durch die Stadtpost versandt. Es giebt eigene Valentines-Fabriken, welche hübsche Geschäfte mit diesem Artikel machen, da man sie von drei Cent bis zu mehreren Dollars haben kann. Reiche Amerikaner haben schon Valentines anfertigen lassen, welche 50 Dollars kosteten. Hübsche Mädchen werden besonders damit bedacht, und manche Schönheit hat eine Sammlung solcher anonymer Zusendungen angelegt, welche ein niedliches und geschmackvolles Album voll guter Zeichnungen und Gedichte bildet. So angenehm die Ueberraschung durch einen originellen Valentine ist, so haben doch leider auch Haß, Neid, Mißgunst und andere niedrige Leidenschaften diesen Tag und diese Sitte benützt, um unter der Maske des Witzes verwundende Pfeile abzuschießen. Ich kann mich des traurigen Falles erinnern, daß sich ein braves Mädchen in New-York wegen eines gemeinen Valentines das Leben nahm.

Eine Haupttugend der Amerikaner verdient beim Schlusse der Schilderung ihres Lebens und ihrer Sitten noch ehrenvolle Erwähnung, nämlich ihre Gastfreundschaft. Es ist nicht leicht, in einer gebildeten amerikanischen Familie Zutritt zu erhalten und als Hausfreund angenommen zu werden; hat aber einmal Jemand ihr Zutrauen gewonnen, so schenken sie es ihm auch ganz und machen nicht den strengen Unterschied zwischen dem jüngeren und dem reiferen Alter, wie man in Deutschland zu thun pflegt. Dieses mag zunächst dem Umstand zuzuschreiben seyn, daß bei ihnen mit dem 21sten Jahre bereits die vollständige politische Mündigkeit eintritt, welche dem Jünglinge schon die wichtigsten bürgerlichen Rechte verleiht. Dem Hausfreund gegenüber fällt die Ettiquette, und Niemand findet es anstößig, wenn ein junger Mann die Tochter des Hauses Abends ohne weitere Begleitung in's Theater, auf Bälle oder Promenaden führt.