Durch die Presse ist auch in dem Volke das Verlangen nach geistigen Genüssen erweckt worden. In die erste Classe ist in dieser Beziehung Theater und Musik zu stellen, die sich seit den letzten zehn Jahren in New-York einer besonderen Pflege erfreuen und ein lebendiges Zeugniß abgeben, daß die Bildung im Fortschreiten begriffen ist. Auf ihre Leistungen in der Malerei und der Bildhauerei läßt sich dieses Lob freilich nicht anwenden, da sie mit wenigen Ausnahmen in ersterem Fache noch viel zu sehr an die Entstehungsperiode der Kunst erinnern, und die Sculptur nur von eingewanderten Deutschen, Franzosen und Italienern betrieben wird. Es hat sich in New-York zwar ein Kunstverein mit einer Kunstausstellung gebildet; die eingebornen Amerikaner haben aber bis jetzt noch wenig Werthvolles eingeliefert. In der Architectur dagegen haben sie erstaunliche Fortschritte gemacht; die Börse, die Tombs[ [21], das Customhouse[ [22], das Wasserreservoir, die herrliche Wasserleitung und andere colossale Bauten werden gewiß den Beifall und die Bewunderung sachverständiger Männer erhalten.
[21]: Der im egyptischen Style gebaute Gerichtshof, mit welchem eine bedeutende Anzahl Zellengefängnisse in Verbindung steht.
[22]: Zollhaus.
Die New-Yorker haben eine große Vorliebe für den Theaterbesuch. Es fehlt daher nicht an besseren und geringeren Vorstellungen von Schau- und Lustspielen und Opern. Wirklich gute Productionen findet man im Park-Theater, da in demselben häufig berühmte englische Mimen auftreten; im Jahre 1847 gab dort der Engländer Kean die schönsten Characterbilder Shakespeares; überhaupt hat sich dieses Theater den Ruf einer dramatischen Gediegenheit erworben. Für bessere Lustspiele ist das Broadway-Theater da, welches erst vor zwei Jahren erbaut wurde; das eigene Volkstheater, in welchem Spektakelstücke und populaire und nationale Ereignisse auf die Bühne gebracht werden, ist das Bowerytheater. Es erfreut sich eines sehr zahlreichen Besuches, da der Unternehmer beständig gute und beliebte Schauspieler engagirt hat und keine Kosten scheut. Viel Vergnügen bereitete mir in demselben die Aufführung von Schillers »Räubern«, welche ziemlich gelungen in's Englische übertragen und recht brav in Scene gesetzt waren. Für die niedere Komik und den Volkswitz gibt es ebenfalls einige Bühnen.
Freunde der Opernmusik sind auf die italienische Oper angewiesen. Um sie würdig zu placiren, baute die New-Yorker Noblesse ein eigenes Opernhaus am Ende des Broadway. In diesem Musensitz wollten sie auch einen besonders feinen Ton und die Pracht der Mode nach Londoner und Pariser Art einheimisch machen, und es mußte, um diesen Endzweck zu erreichen, der Theatercomité die Einrichtung treffen, daß nur Gentlemans in schwarzem Fracke und Ladys in Herrenbegleitung der Zutritt gestattet wurde, was den bösen Uebelstand zur Folge hatte, daß ganz anständig gekleidete Leute am Eingange abgewiesen wurden. Dies hieß aber in ein gewaltiges Wespennest stieren! Die ganze New-Yorker Presse und vor allen Blättern der Herald zog ganz unbarmherzig gegen die Geldaristokratie zu Felde, welche es gewagt hatte, dem Volke eine besondere Kleidung bei dem Genusse von Vergnügungen, die ihm sein gutes Geld kosteten, vorzuschreiben und die republikanische Einfachheit, wie die persönliche Freiheit eines jeden Einzelnen in einer solchen Weise anzugreifen. Man warnte vor dem Besuche eines solchen Theaters, nannte die Sänger die traurigsten Stümper und brachte das ganze Unternehmen in einen solchen Mißkredit, daß es ohnfehlbar gescheitert wäre, wenn der Theatercomité nicht die unglückliche Frackidee aufgegeben hätte. Ein betheiligter reicher Kaufmann machte aus lauter Verdruß über das Geschrei der Presse den Versuch, den Eigenthümer des Herald mit 200 Dollars zum Schweigen zu bringen; am anderen Tage aber fand er seinen Brief wörtlich auf der ersten Spalte des Herald in einer schwarzen Einfassung abgedruckt; außerdem war noch die malitiöse Bemerkung beigefügt, daß sich der Maire der Stadt in einem Handbillete bei dem Herrn Bennet im Namen des städtischen Armenhauses für die Schenkung von 200 Dollars bedankt habe, welche zur Bestechung der Presse hätten dienen sollen.
In New-York fehlt es auch nicht an zwei deutschen Theatern; leider aber haben es unsere Landsleute noch nicht zu dem Besitze eines würdigen Kunsttempels bringen können. Die Schuld liegt freilich größtentheils an den deutschen Schauspielern selbst, welche bis auf einige Wenige so viel wie nichts leisten. Sie sind deßhalb gezwungen gewesen, ihre Bretter, die aber nichts weniger, als die Welt bedeuten, in großen Sälen aufzuschlagen. Die Dekorationen, wie die ganze Ausstattung machen einen ziemlich kläglichen Eindruck; von Maschinerie ist gar keine Rede, und die Anziehungskraft auf das Publikum würde sich wohl auf Null reduciren, wenn nicht nach dem Schlusse der Vorstellungen noch Ball wäre, an dem jeder Zuschauer unentgeldlich Theil nehmen kann.
Beide Unternehmungen sind von Gastwirthen ausgegangen, denen es natürlich mehr um den Absatz von Speisen und Getränken, als um Hebung der Kunst zu thun ist.
Für musikalische Genüsse sorgt der philharmonische Verein. Er hat viele Mitglieder und die nöthigen Mittel, um größere Musikwerke zur Ausführung bringen zu können; der hohe jährliche Beitrag macht aber den Eintritt in diese Gesellschaft Vielen unmöglich.
Die besten Musiker in New-York sind ohnstreitig die deutschen und werden auch als solche von den Amerikanern anerkannt. Ihre Vorträge sind freilich auch werthvoller, als die der Eingebornen, welche die Harmonie der Töne theilweise noch mit der Trommel, der Sackpfeife und dem Dudelsack hervorbringen wollen. Dessen ohngeachtet sind sie große Freunde der Musik und in jeder nur einigermaßen bemittelten Familie wird man ein Fortepiano finden, wodurch die Fabrikation dieser Instrumente in New-York selbst einen erstaunlichen Aufschwung erhalten hat.
Deutsche Musiker können in Amerika guten Verdienst finden, wenn sie etwas Tüchtiges zu leisten im Stande sind. An Stümpern jedoch ist kein Mangel.