Im verflossenen Jahre kam eine Gesellschaft Steiermärker nach Amerika, um sich in den bedeutendsten Städten der Union hören zu lassen. Ihr erstes Auftreten in Boston wurde von einem außerordentlichen Erfolge begleitet, da in der That jedes Mitglied Virtuos auf seinem Instrumente war. In New-York machten ihre Leistungen ein solches Aufsehen, daß sie dort schon Einladungen nach Baltimore, Washington und New-Orleans erhielten. Von letzterer Stadt giengen sie nach der Havanna. Ihre Geschäfte müssen sehr einträglich gewesen seyn, wie überhaupt noch kein Künstler Amerika unbefriedigt verlassen haben wird, da ihr Säckel sich dort gewiß eher füllte, als in den meisten europäischen Städten. Fanny Elsler, Ole Bull, Sivori, Leopold Meyer und Andere werden davon gewiß vollgültige Beweise abgeben können. Die von ihnen gegebenen Vorstellungen und Concerte waren sämmtlich zahlreich besucht, und ist auch nicht zu verkennen, daß sie bedeutende Auslagen zu bestreiten hatten, so standen sie gewiß jedesmal mit ihrer Einnahme im Verhältniß, da man in New-York zu keinem Concert unter einem Dollar ein Billet erhalten kann.

Zweiundzwanzigstes Capitel.
Lasterhöhlen. Washington-Street. Die Five-Points. Die Hinrichtungen.

Große Verdienste um die Hebung der Moralität und Sittlichkeit hat sich ohnstreitig die Presse erworben, obschon in dieser Beziehung noch viel zu wünschen übrig bleibt. Bei dem ungeheuren Verkehre und dem ewigen Gehen und Kommen von Schiffen und von Reisenden aus allen Welttheilen müssen sich um so mehr auch unlautere Elemente einfinden, als der Eintritt in das Land keiner polizeilichen Controle unterworfen werden kann, da das Paßwesen eine total unbekannte Größe in den Vereinigten Staaten ist. Diese Einrichtung hat sich besonders des Beifalls der deutschen Handwerksburschen zu erfreuen, welche froh sind, daß sie von dem Visirenlassen der Wanderbücher befreit sind.

Es ist eine immer wiederkehrende und leicht erklärliche Erscheinung, daß Verbrechen und Laster aller Art ihren Hauptsitz in den großen Städten aufgeschlagen haben; hat man dies schon im Binnenlande zu beklagen, so ist dies wo möglich in noch vergrößertem Maßstabe in den Hafenstädten zu finden, in welchen täglich Tausende von Fremden zusammenströmen. Man darf daher auch nicht erwarten, daß New-York eine Ausnahme von der Regel macht und ich es als ein Muster der Sittenreinheit hinstellen kann; man findet auch in dieser Stadt neben der Tugend, Frömmigkeit und Redlichkeit die tiefste Immoralität und neben dem guten Tone und der Bildung die gröbste Unwissenheit und die furchtbarste Rohheit. New-York hat ebensogut, als London, Paris, Wien und Berlin seine Lasterhöhlen und seine verrufenen Gassen, in welchen das Verbrechen und die Schande haust. Man thut wohl daran, bei Nacht solche Orte zu meiden, da dort trotz aller Aufsicht verworfenes Gesindel sich niedergelassen hat, welches selbst den Mord nicht scheut, wenn es ihm Beute verschafft. New-York hat so gut seinen Stoff zu »Mysterien« geliefert, wie jede andere Stadt.

Es macht einen im höchsten Grade widrigen Eindruck, daß gerade eine der schönsten Straßen in der Nähe des Hafens, in welcher Nachts betrunkene Matrosen und andere gefährliche Individuen umherstreifen, den Namen Washingtons trägt. Man thut immer wohl, wenn man ihnen im Falle des Begegnens weit aus dem Wege geht.

In den Kellern der Washington-Street hört man jeden Abend kreischende Musik, nach welcher sich Matrosen und schlechte Dirnen drehen, die durch zudringliche und ekelhafte Geberden die Vorübergehenden zum Eintritt zu bewegen suchen. Kaum vergeht eine Nacht, in welcher dort nicht durch die Seeleute die schrecklichsten Schlägereien entstehen. Diese endigen nur zu oft mit Mord und Todtschlag, da diese rohe und schonungslose Classe von Menschen nach langer Entbehrung[ [23] sich ohne Rücksicht auf Gesundheit und Anstand allen Ausschweifungen hingibt und von dem Genusse starken Brandweins gemeiniglich so trunken werden, daß sie sich mit dem Messer in der Faust anfallen.

[23]: Den Matrosen auf amerikanischen Schiffen werden zur See keine spirituosen Getränke verabreicht. Sie erhalten Morgens eine hinreichende Quantität guten schwarzen Kaffee mit Fleisch und Kartoffeln, Mittags eine gute kräftige Kost und Abends Thee nebst einer guten Beispeise, aber weder Bier, Wein noch Schnapps. Den Passagieren ist bei Strafe der Confiscation ihrer Getränke strenge verboten, an die Matrosen Etwas abzugeben. Diese Bestimmung ist auch sehr nothwendig, da die meisten Matrosen weder Ziel noch Maß im Genuß der stärksten geistigen Getränke kennen. Ihr Dienst erfordert eine beständige Nüchternheit, da sie während eines Sturmes oft sämmtlich Dienst thun müssen und ihnen in einem solchen Falle oft Hunderte von Menschenleben anvertraut sind. Für diese Entsagung entschädigen sie sich nach der Landung in so reichem Maße, daß sie in wenigen Tagen einen sechswöchentlichen sauer ersparten Lohn durchbringen.

Ein sehr beträchtliches Contingent zu diesem Auswurfe liefert die Raçe der Neger. Diese sind jedoch weniger zurechnungsfähig, da sie großentheils ohne allen Unterricht und ohne alle Erziehung aufwuchsen. Außer der Washington-Street haben sie besonders ihr Hauptquartier in den Five-Points aufgeschlagen. Die Five-Points sind fünf Straßen, welche von einem in der Mitte liegenden Platze strahlenförmig ausgehen und in einem wahrhaft fürchterlichen Renomée stehen. Viele Menschen wagen nicht einmal während der Tageszeit durch diesen Theil der Stadt zu gehen, welcher gleich neben dem Broadway und hinter der City-Hall, also in der belebtesten Gegend beginnt. Das Aeußere der Gebäude gibt schon einen deutlichen Begriff von ihren Bewohnern. Alle Häuser haben unter dem Erdgeschosse noch Kellerwohnungen (basements), in welchen sich Kneipen befinden, die von einem Ekel und Grauen erregenden Publikum besucht werden. Schmutzige Negerdirnen von jedem Alter mit herabhängenden dicken Lippen und einer oft an's Phantastische streifenden Kleidung, betrunkene Matrosen und der Auswurf der Menschheit vergnügen sich hier. Wehe Dem, der sich ohne genügenden Schutz in diese Höhlen hinabwagt; Derjenige, welcher Geld sehen läßt, ist in der größten Gefahr, ausgeplündert, ja ermordet zu werden.

Mitten in den Five-Points steht ein unter dem Namen »Brauhaus« in der ganzen Stadt bekanntes und gefürchtetes Gebäude. In demselben wohnen gegen 100 Personen, welche alle mehr oder minder gefährliche Subjekte sind, von denen man sich theilweise die schauderhaftesten Dinge erzählt. Zur Ueberwachung dieses Hauses, wie der Five-Points ist eine namhafte Anzahl Constabler aufgestellt, welche täglich Arrestationen in dieser gefährlichen Gegend vornehmen. Schon vor mehreren Jahren wurde im New-Yorker Stadtrathe ein Plan entworfen, diesen ganzen Stadttheil von Grund aus niederzureißen und an dessen Stelle neue und schöne Gebäude setzen zu lassen, um die gefährlichen Bewohner desselben aus den bevölkertsten Distrikten zu verdrängen und sie dadurch für die Gesellschaft minder gefährlich zu machen.

Es ist ein sonderbares Zusammentreffen, daß die Tombs gerade ganz in der Nähe der Five-Points sich erheben. Dieses Gebäude macht einen tiefen und ergreifenden Eindruck auf Jedermann durch den Ernst und den Charakter seines Styles; aber gerade Diejenigen, für die es gebaut ist, leben kaum 100 Schritte von ihm entfernt in größter Sorglosigkeit. Dies ist um so bemerkenswerther, als in dem Hofe der Tombs die Hinrichtungen vorgenommen werden. Mancher Verbrecher hat seine gräßliche That fast im Angesichte der Richtstätte begangen, ohne zu bedenken, daß er dort den Lohn seiner Thaten finden wird und ohne von der drohenden Todesstrafe von seinem Beginnen abgeschreckt zu werden.