Die Hinrichtungen in Amerika geschehen mit dem Strange; man gibt ihnen aber dort keine so große Oeffentlichkeit, wie in Europa, sondern gestattet nur Journalisten und solchen Personen Zutritt, welche mit Karten versehen sind. In neuerer Zeit ist jedoch im Volke eine große Abneigung gegen die Todesstrafe bemerkbar geworden. Bei der durch den gesetzgebenden Körper des Staates New-York zu Albany vorgenommenen Verfassungsrevision erhielt die Partei für die Beibehaltung der Todesstrafe nur einige wenige Stimmen Majorität, und es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß auch die Amerikaner in Bälde dem schönen und ehrenden Beispiele des Frankfurter Parlaments folgen.

Es ist eine weise und passende Einrichtung in New-York, daß der Name eines Jeden, welcher entweder polizeilich abgestraft oder durch den Gerichtshof abgeurtheilt wurde, in den Journalen öffentlich bekannt gemacht wird. So wie die Polizei einen und wenn auch noch so unbedeutenden Fang macht, wird dies mit allen Einzelnheiten dem Publikum mitgetheilt, welches zuweilen sehr überrascht wird, wenn es aus diesen Bülletins den Character von Leuten erfährt, die ihr Thun und Treiben unter der Maske der Verstellung und Scheinheiligkeit längere Zeit zu verbergen gewußt hatten.

Dreiundzwanzigstes Capitel.
Allgemeine Notizen für Auswanderer.

Die Auswanderung von Deutschland nach den Vereinigten Staaten war in den letzten 15 Jahren so bedeutend, daß aus allen Ständen Vertreter nach Amerika gekommen sind. Ich habe deutsche Professoren, Geistliche, Offiziere, Advokaten, Kaufleute, Studenten, Handwerker aller Art, Landleute u. s. w. in New-York kennen gelernt. Ja sogar deutsche Bettelmusikanten wollten ihr Glück jenseits des »großen Baches« versuchen, haben aber gewiß eine sehr traurige Carriere gemacht, wenn sie nicht eine andere Beschäftigung ergriffen. Ein deutsches Schiff brachte einmal fünf bis sechs solche Gesellschaften, die sich jedoch in wenigen Tagen aus der Stadt entfernt hatten, da man dort nicht gewohnt ist, Faullenzer zu unterstützen und die Pein, die sie dem Ohre bereiten, auch noch zu bezahlen.

In den früheren Jahren blieben viele neue Ankömmlinge in New-York, während sich jetzt fast alle Einwanderer in das Innere des Landes begeben, wo sie theils Verwandte, Freunde und Bekannte besitzen oder einen schon genau überlegten Plan in Ausführung bringen wollen. In New-York selbst ist nur noch für einzelne Gewerbe der Aufenthalt nutzbringend, wie z. B. für Schuhmacher, Bäcker, Maschinenarbeiter, chirurgische Instrumentenmacher, Tischler, Brauer, Tapezierer, Maler; die meisten andern sind übersetzt, finden deßhalb seltener und dann schlechten Verdienst. Es läßt sich nicht läugnen, daß die Deutschen an diesem Uebelstande theilweise selbst Schuld sind. Tausende von Arbeitern sind in New-York an das Land gestiegen, welche kaum so viel Baargeld bei sich hatten, um Kost und Logis für eine Woche bestreiten zu können. Sie waren deßhalb genöthigt, für jeden Preis Arbeit anzunehmen, damit sie nur nicht Hunger leiden mußten, wodurch der Verdienst sehr herabgedrückt wurde. Die eingebornen Amerikaner waren über dieses Sinken der Arbeitspreise großentheils sehr aufgebracht, welches sie übrigens mit Unrecht einzig und allein der Einwanderung zuschrieben, und es bildete sich aus ihnen die sogenannte Native-Party[ [24]. Diese stellte die widersinnigsten und ungerechtesten Grundsätze auf, um den Andrang der Fremden zu vermindern. So sollten diese erst nach 25 Jahren das Bürgerrecht erlangen können, die Amerikaner nur Amerikanern Arbeit geben, und dergleichen mehr. Sie bedachten nicht, daß bei Weitem der größte Theil der Einwanderer sich von dem Ackerbau und nicht von Gewerben nährt und daß mit der Zunahme der Population auch die Bedürfnisse steigen. In der ersten Zeit ihrer Bildung wurde diese Partei so mächtig, daß sie den Maire von New-York aus ihrer Partei erwählte. Ihr Einfluß sank aber so rasch, daß sie ihre extremen Pläne nicht in's Leben rufen konnte, welche der Entwickelung der Vereinigten Staaten eine tödtliche Wunde geschlagen haben würden, und heute zu Tage ist sie so ohnmächtig geworden, daß sie in dem großen New-York kaum mehr über 1200 Stimmen zu gebieten haben wird. Die deutschen stimmfähigen Bürger können diese aber auf die leichteste Weise aus dem Felde schlagen, da sie gegen 4-5000 Stimmen abzugeben haben.

[24]: Eingebornenpartei.

Derjenige, welcher über wenig Geldmittel zu verfügen hat, soll nur nicht wählerisch in der Annahme von Arbeit sein, sondern das erste Beste ergreifen, was sich ihm darbietet. Im Laufe der Zeit findet sich dann schon für ihn eine Beschäftigung, welche Gewinn bringt und ihm Vergnügen macht. Ich weiß dies aus eigener Erfahrung. Als ich von einer Krankheit, die mich um meine Stelle bei meinem Italiener gebracht hatte, wieder aufgestanden war, sah ich mich sechs Monate hindurch genöthigt, mir mit den verschiedensten Arbeiten die Mittel zu meiner Existenz zu verdienen. Ich trat bei einem Mechaniker und Metalldreher ein, bei dem ich Aufsätze auf Feldflaschen für die Armee in Mexico goß; dann arbeitete ich mehrere Monate in einer Kappenschirmfabrik, um dieses Geschäft dann mit dem Tapeziererhandwerk zu vertauschen. Als ich damit bei dem Eintritte des Winters nicht mehr fortkommen konnte, arbeitete ich in einem Lagerhause, führte später mit einem Deutschen eine Wirthschaft und erhielt zuletzt eine ständige und gut bezahlte Stelle in einer deutschen Buchhandlung, welche ich ein volles Jahr bis zu meiner Abreise bekleidete. Dieses Alles wird freilich manchem Deutschen sehr widrig und unangenehm erscheinen, zumal man in Deutschland gewohnt ist, den Mann nach seiner Beschäftigung zu beurtheilen. Der Einwanderer thut aber sehr gut, wenn er sich so rasch als möglich von solchen Begriffen und Ansichten losmacht, da er es sonst nicht weit bringen wird. Der Amerikaner weiß, daß der Mensch von der Arbeit lebt und daß die Verhältnisse sehr oft keine große Wahl gestatten; darum achtet er auch den niedersten Arbeiter und schaut nicht mit dummen Eigendünkel auf ihn herab, indem er nur zu gut einsieht, daß auch seine Dienstleistungen nothwendig sind. Selbst der reiche Großhändler scheut sich nicht, die gewöhnlichsten Verrichtungen zu thun; wenn seine Leute eben anderweitig beschäftigt sind, legt er nöthigenfalls Hand an beim Auf- und Abladen der Güter und kehrt das Trottoir vor seinem Hause, wozu sich ein reicher Deutscher schwerlich entschließen dürfte.

Derjenige Einwanderer, welcher sich gleich im Anfang nur einigen Verdienst zu verschaffen weiß, ist auch für die Zukunft geborgen und kann sich mit einigem Unternehmungsgeist leicht fortbringen. Die Zeiten aber sind vorüber, wo man in wenigen Jahren reich werden konnte; wer keine Arbeitslust besitzt und drüben Luftschlösser bauen zu können glaubt, thut besser, wenn er daheim bleibt, denn er muß dort selbst noch die Hoffnungen aufgeben, welche gewöhnlich der letzte Trost solcher Leute sind, nämlich die Hoffnung auf eine Erbschaft, das große Loos in der Lotterie oder eine reiche Heirath. An Unterstützungen, welche die Arbeit überflüssig machen, darf er gar nicht denken, denn er würde die beständige Antwort: »Help Youself!«[ [25] erhalten, da der Amerikaner recht wohl weiß, daß der, welcher arbeiten will, nicht nöthig hat, Andere um Gaben anzusprechen. Ich habe keinen einzigen Eingebornen betteln sehen, sondern nur Deutsche und Irländer trieb die Noth zu einem solchen Erwerb, und auch diese waren meistentheils die armen beklagenswerthen Opfer von ihnen nicht verschuldeter Ereignisse. Sie verlegten sich großentheils, wenn sie keine Arbeit in New-York finden konnten, auf das Lumpensammeln; schon Morgens 4 Uhr machen sie sich auf die Beine, um vor dem Beginne der geschäftlichen Thätigkeit in den Straßen die Haufen Unraths, welche vor den Häusern liegen, mit einem eisernen Haken zu durchsuchen, mit welchem sie die aufgefundenen Lumpen mit wunderbarer Schnelligkeit in den auf ihrem Rücken hängenden Korb expediren. Dieser Verdienst ist kein schlechter, da sie ihren Fund gut verwerthen; in neuerer Zeit drohte jedoch die Concurrenz, sich auch dieses wenig einladenden Geschäftszweiges zu bemächtigen.

[25]: Hilf Dir selber.

Jeder Arbeiter, welcher in Amerika einwandert, hat noch einmal zu lernen, was besonders der großen Verschiedenheit des Handwerkszeuges zuzuschreiben ist. Besonders muß der Deutsche sich an ein rasches Arbeiten gewöhnen, wenn er mit dem Amerikaner fortkommen und Etwas verdienen will. Auf Solididät wird im Ganzen viel weniger, als bei uns gesehen, wenn nur die Arbeit gut in die Augen fällt und ihre Schwächen und Fehler nicht bemerkbar sind. So scheinen z. B. die amerikanischen Schuhe, welche man sich gewöhnlich in großen Niederlagen einkauft, sehr gut zu seyn; es ist aber schon Vielen das Unglück begegnet, daß sie dieselben am zweiten und dritten Tage wegwerfen mußten, wenn sie zufällig damit in einen heftigen Regen gekommen sind.