Die kurze Zeit, die der Verfasser dem Aufenthalte in Paris widmen konnte, war um und der Tag der Abreise erschienen. Die wenigen Freunde, an die er empfohlen war, gaben ihm beim Scheiden den Rath, die Reise von Rouen in's Havre zu Fuße zu machen, da die Schönheiten des Rhonethales in vieler Hinsicht denen des Rheinthales gleich kämen. Ich folgte der freundlichen Mahnung, die zu bereuen ich keine Ursache gehabt haben würde, wäre ich nicht am zweiten Tage von einem nebligen Regenwetter in Empfang genommen worden, das mich nicht allein bis auf die Haut durchnäßte, sondern mir auch den Genuß der reizenden Landschaft gänzlich verkümmerte.

Müde und erschöpft erreichte ich endlich das langgedehnte Incouville, eine Vorstadt des Havre. Die erste Person, die mir in den menschenleeren Straßen aufstieß, war ein junges Mädchen, welches trotz des Regens an einem Brunnen mit Waschen beschäftigt war. »La couronne d'or, s'il vous plait, mademoiselle?« fragte ich, mein Bischen Französisch und meine ganze mir im Momente zu Gebote stehende Freundlichkeit zusammennehmend, um baldmöglichst unter Dach und Fach zu gelangen. »Dös versteh' i net, i seyn erst acht Täg hie!« war die naive Antwort, die mich eine Landsmännin erkennen ließ. Nachdem ich für ihre freundliche Auskunft in gutem Deutsch auf's Herzlichste gedankt hatte, gelangte ich endlich nach langem Hin- und Herwandern in's ersehnte Gasthaus. Eine eigenthümliche Ueberraschung ward mir gleich beim Eintritt in's Wirthszimmer, denn Gastzimmer will ich es doch nicht nennen, zu Theil; ohngefähr 80-100 Personen jeden Alters, Standes und Geschlechtes saßen an zwei langen Tafeln und verzehrten ziemlich laut ihre Abendkost. Ich konnte mir nun schon eine Vorstellung von der Gesellschaft machen, mit der ich für 5-6 Wochen in einen engen Raum zusammengepfercht werden sollte.

Nachdem ich mich von den Reisestrapatzen in Etwas erholt hatte, machte ich mich auf den Weg, um ein Paar alte Freunde und Landsleute aufzusuchen, welche mir gleich nach dem Empfange die angenehme Eröffnung machten, daß ich vor 8-10 Tagen an eine Abreise gar nicht denken dürfe, indem seit längerer Zeit an 3000 Menschen ihre Einschiffung erwarteten. Diese Leute hatten sich ihre Plätze bereits contractlich gesichert, was ich zu thun unterlassen, späterhin aber auch nicht zu bereuen hatte, indem mir durch gütige Vermittelung meiner Freunde nicht allein ein Platz auf einem guten Schiffe, sondern auch eine einzelne Bettstelle ausgewirkt wurde, wofür ich jenen noch heute zum freundlichsten Danke verpflichtet bin, da ich durch letztere Begünstigung der Gefahr entgieng, von meinen seekranken Bettgefährten mit unangenehmen Expektorationen belästigt zu werden.

Die Tage im Havre verflossen allmählig; so angenehm manche Stunde dahin schwand, so schmerzlich wurde das Herz oft von den Leiden und Drangsalen armer Landsleute berührt. Mancher wenig bemittelte Familienvater hatte sich mit Weib und Kind aus ferner Heimath nach der weitentlegenen Hafenstadt durchgeschlagen, um dort nach Aufzehrung der wenigen Habe am fremden Strande liegen bleiben zu müssen, ohne die Weiterreise zur See antreten zu können. Einzelne dieser Unglücklichen sind wieder nach Deutschland zurückgekehrt; mancher Leser wird ihre zweirädrigen Karren an den Straßenecken stehen sehen haben, welche nichts enthalten, als Lumpen und – arme halb verhungerte Kinder.

Vielfach wurde von fühlenden Menschenfreunden vor unbedachtsamer Auswanderung mittelloser Personen gewarnt, die, wenn sie auch zum ersehnten Hafen gelangt sind, bei dem Ueberflusse von Arbeitern und ihrer Unkenntniß der Sprache Nichts als ein Leben voll des größten Elendes, des drückendsten Mangels und der schmerzlichsten Entbehrungen und Täuschungen erwartet. Die Zahl dieser Unglücklichen ist so groß, daß trotz aller Unterstützung von Seite mitleidiger Personen an eine gründliche Hülfe nicht zu denken ist. Ich sah abgemattete und abgemagerte Auswanderer mit Weib und Kind in den Straßen des Havre liegen und die Vorübergehenden anbetteln. Wurde ihnen ein Sous zugeworfen, so beeilten sie sich, sich warme Kartoffeln, die man gekocht auf den Straßen haben kann, einzukaufen, um den Heißhunger zu stillen. Der Mensch ist gewiß spekulativ, da er selbst noch aus der schrecklichsten Noth seinen Gewinn zu ziehen weiß!

Möge diese kurze, aber wahre Schilderung eine Warnung für unbemittelte Personen seyn, welche leichtsinnig über die Noth und die Entbehrungen hinwegsehen, die ihrer nothwendig auf so weiter Reise warten!

Selbst dem vermögenden Auswanderer drohen Gefahren von Seite betrügerischer Wirthe und lügenhafter Beutelschneider. Es ist eine Schmach für den deutschen Namen, daß unter allen Blutsaugern in der Fremde die Deutschen bei weitem die ersten und gewandtesten sind, und jeder Reisende thut wohl, dem Deutschen, der ihm seine Dienste freundlich und zuvorkommend anbietet, von vorn herein unbedingt zu mißtrauen. Durch alle mögliche Kniffe, Ränke und Vorwände wird den Auswanderern das Geld aus der Tasche gelockt. Ein Beispiel, das ich selbst erlebte, möge zur Vorsicht mahnen!

In einer Restauration, die ich öfter besuchte, bearbeitete ein deutscher Makler einen ziemlich viel Geld führenden jungen Mann, im Havre auf Spekulation Uhren einzukaufen, da er dieselben bei dem billigen Preise am dortigen Platze in New-York hoch verwerthen könnte. Dieser wollte Anfangs auf die Sache nicht eingehen, versprach aber, verlockt durch die Aussicht auf einen schönen Gewinn, mit seinem Wirthe, der ihm wegen seines gespickten Geldbeutels immer freundlich und herzlich entgegengekommen war und ihm daher Vertrauen eingeflößt hatte, Rücksprache zu nehmen. Dieser aber, ein Bundesgenosse sowohl des Maklers, als des Uhrhändlers, malte ihm den Gewinn noch bedeutender vor, und der arme Jüngling gieng in die ihm künstlich gelegte Falle. Er kaufte für circa 800 Franken Uhren, die er in New-York kaum für den vierten Theil wieder los werden konnte, da er in jeder Art und Weise auf's Vollkommenste betrogen war.

Reisende, die Rath und Hülfe gebrauchen, thun am besten, wenn sie sich an ihre betreffenden Consuln wenden, von denen namentlich der b.....sche, Herr M....l, wegen seiner Gefälligkeit und oft bewiesenen Humanität eine ehrenvolle und anerkennende Erwähnung verdient. –

Zweites Capitel.
Die Einschiffung. Der Capitain und der Schnurrbart.