Der Tag der Einschiffung nahte allmählig heran. Die Lebensmittel, für die man im Havre selbst sorgen muß, nebst Bett und dem nöthigen Kochgeschirr wurden an Bord gebracht. Wie freudig schlug mir das Herz, als ich das schöne neubemalte Schiff bestieg, auf dem das bunteste und lebendigste Treiben herrschte. Die poetischen und romantischen Empfindungen, die sich mir für den Augenblick aufgedrängt hatten, sollten aber sofort in Nichts zerrinnen, als ich über eine schlüpfrige Stiege in einem finstern Raum hinabstieg, in dem ich erst nach mehreren Minuten die Gegenstände um mich her erkennen konnte. Geschrei, Gekreische und Gezänke von Männern und Weibern und die schrillenden Töne kleiner Kinder empfiengen mich von allen Seiten und gaben mir bereits einen Vorgeschmack von dem, was ich in der nächsten Zeit zu bestehen haben sollte.
Nachdem ich mich mit Mühe und Noth bis zu meiner Schlafstelle, die im hintern Raume in der Nähe des Steuerruders war, hindurchgedrängt hatte, richtete ich mich so gut wie möglich in meiner neuen Wohnung ein. Gegen Mittag wurden die Anker gelichtet, und mit einem fröhlichen Hurrah begrüßten Viele die Abfahrt, welche gewiß nicht so fröhlichen Muthes gewesen wären, wenn sie eine Ahnung von dem gehabt hätten, was ihrer in Amerika wartete. Manch feuchtes Auge aber blickte nochmals nach der Küste und dachte des Vaterlandes und der daheim zurückgebliebenen Lieben, die es vielleicht nicht mehr schauen sollte.
Ein Dampfschiff bugsirte uns aus dem Hafen; außer dem Lotsen, der im Havre nie fehlen kann, hatten wir als Begleiter noch mehrere Gensdarmen an Bord, welche ohngefähr fünf englische Meilen von der Küste die Pässe sämmtlicher Passagiere untersuchten. Zugleich mußten die quittirten Ueberfahrtsverträge vorgezeigt werden. Während dieses Aktes war die ganze Reisegesellschaft auf dem Verdecke, damit von den Matrosen und den Dienern des Gesetzes das Zwischendeck durchsucht werden könnte, um eingeschlichene Individuen, welche entweder die Ueberfahrt nicht bezahlt haben oder den Händen der Gerechtigkeit verfallen sind, aufzufinden. In der That brachten sie auch einen armen deutschen Handwerksburschen in einem abgeschabten Sammetrocke zum Vorschein, der die Passagekosten zu berichtigen vergessen hatte und von einem weichherzigen Bauer unter sein Bett versteckt worden war. Trotz seines Bittens und Flehens mußte er mit den Gensdarmen die unfreiwillige Rückreise nach dem Havre machen, das er so bald wieder zu sehen sich wohl nicht hatte träumen lassen.
Als uns der Lotse und die Gensdarmen mit ihrer Beute verlassen hatten, gab der Capitain Befehl, das Schiff zu reinigen, was uns selbst sehr nothwendig schien, da durch das Einladen und Einpacken bis fast zum letzten Augenblicke der Abfahrt viel Unreinlichkeit und Schmutz auf das Verdeck und in die unteren Räume gebracht worden war. Nach Beendigung dieser Arbeit, der auch ich mich unterziehen mußte, da im Zwischendeck vollständige »Freiheit und Gleichheit« herrscht, machte ich mich auf den Weg, um meine Schiffsgesellschaft zu mustern. Mein nächster Nachbar war ein junger Rheinbaier, Namens W......., der bereits fünf Jahre in Amerika gelebt und das amerikanische Bürgerrecht erlangt hatte. Wir schlossen bald Freundschaft, was das Angenehme für mich hatte, daß ich durch ihn, da er von der ganzen Reisegesellschaft allein der englischen Sprache mächtig war, bald in nähere und sehr angenehme Beziehungen zu dem Capitaine kam, welcher sich durch Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit auszeichnete und sämmtliche Passagiere ohne Ausnahme mit viel Humanität und Güte behandelte. Dieses ist um so mehr von ihm zu rühmen, als man dergleichen nicht auf allen Schiffen findet.
Durch meinen neuen Freund W....... als Dollmetscher erfuhr ich von unserem Capitaine Higgins, daß seine Lila (so hieß das Schiff) in Baltimore gebaut und ein sehr gutes Fahrzeug sey und er mit demselben schon die Reise von Havre nach New-York in 20 Tagen gemacht habe, was für uns Beide nicht unangenehm zu hören war.
So zuvorkommend sich der Capitain im Ganzen gegen mich benahm, so fiel mir doch sehr auf, daß er gleich im Anfange unserer Bekanntschaft mit lautem Lachen ausrief: »the mustaches!« Unangenehm berührt fragte ich meinen Freund W......., was dieses Benehmen zu bedeuten habe? Noch lauter lachend setzte mir dieser nun auseinander, daß der gute Higgins sich über meinen »Schnurrbart« freue, der in New-York gewiß viel Aufsehen erregen werde. Obschon ich bereits aus dem Spiegel die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß der Schmuck meiner Oberlippe keine besondere Bewunderung verdiene, so verdroß mich doch der Scherz, der mir von einem Fremden unartig schien, was Beider Heiterkeit nur noch mehr steigerte. Endlich theilte mir W....... mit, daß kein Amerikaner einen Schnurrbart[ [1] trage, und dem Inhaber eines solchen die Kinder in New-York ebenso nachliefen, wie deutsche Dorfjungen einem Mohren. Diese Auseinandersetzung bewog mich, sofort in's Zwischendeck hinabzusteigen und mich meiner Zierde zu entledigen.
[1]: Der Schnurrbart ist seit jener Zeit auch in Amerika emancipirt worden, da sich viele Europäer, namentlich die Franzosen, mit stoischem Gleichmuth über den Spott der Amerikaner hinwegsetzten.
Drittes Capitel.
Die Einquartierung. Die Seekrankheit. Mittel gegen dieselbe.
Die Schiffsgesellschaft bestand nur aus Deutschen (hauptsächlich Baiern, Hessen, Würtembergern und Elsässern). Der sogenannte gebildete Stand war unter ihnen gar nicht vertreten, da außer einem katholischen Geistlichen aus Tyrol nur Bauern und einige junge Handwerker an Bord waren. Unter ihnen fand ich jedoch ganz wackere und brave Leute, mit denen man recht gut verkehren konnte. Diese wurden zufälligerweise größtentheils meine Bettnachbarn.
Die ersten Unannehmlichkeiten hatten wir mit einem Elsässer Bauern, der im Vereine mit seinem Knechte eine unübertreffliche Grobheit zu entwickeln verstand. Dieser Mann hatte nämlich die appetitliche Einrichtung getroffen, daß seine Frau die theuern Häupter ihrer lieben Kinderchen auf einem Koffer in der Nähe unserer Bettstellen auf's sorgfältigste untersuchte, da sie gewissen kleinen Thierchen, die man nicht gerne nennt, einen blutigen Tod geschworen hatte. Erst nach Beschwerdeführung beim Capitain wurde der Schauplatz dieser unterhaltenden Beschäftigung an einen anderen Ort verlegt; wir sollten aber unserem Geschicke trotz aller Vorsicht doch nicht entgehen, denn wir erhielten, da an strenge Erhaltung der Reinlichkeit bei dem Zusammendrängen so vieler Menschen auf einen so kleinen Raum nicht zu denken ist, späterhin dieselbe Einquartierung, die sich bereits bei unserer guten Elsässer Bauersfrau so mißliebig gemacht hatte. Das ist eines von den kleinen Leiden des menschlichen Lebens, dem ein Zwischendecks-Passagier nicht wohl entgehen kann.