Eine weitere Unannehmlichkeit, von der jedoch Manche, wie der Verfasser selbst, verschont blieben, ist die schon oft beschriebene Seekrankheit. Gegen diese gibt es leider kein Cardinalmittel! der Kranke muß sich eben geduldig in sein Schicksal fügen. Jedoch will ich hier nicht unterlassen, meinen Lesern, die allenfalls noch eine Seereise zu machen gedenken, meine Erfahrungen über die Art, wie man ihr wenigstens in Etwas begegnen kann, mitzutheilen. Der Zwischendecksreisende suche seinen Platz in der Mitte des Schiffes zu erhalten, da hier bei unruhiger See immer die wenigste Schwankung und geringste Erschütterung ist. Ferner halte man sich so wenig als möglich im Zwischendecke auf, weil in diesem trotz aller Fürsorge bei der Ausdünstung so vieler Menschen nie die Luft ganz rein seyn kann. Selbst wenn die See stürmisch geht, bleibe man auf dem Verdecke und sehe der wilden Bewegung der Wasser möglichst ruhig zu, damit der Schwindel ferne bleibt. Als sehr praktisch habe ich auch gefunden, den Bewegungen des Schiffes, namentlich wenn sie heftig sind und von der Seite kommen, mit dem Körper nachzugehen, damit der Magen nicht zu sehr erschüttert wird. Läuft das Schiff unter günstigem Wind, so kann ich das Hinabschauen von den Seiten des Schiffes in die See als ein Mittel empfehlen, welches ebenfalls den Schwindel entfernt hält. Viele haben als Präservativmittel einen äußerst mäßigen Genuß von Speisen und Getränken empfohlen; ich habe aber hiervon eher die entgegengesetzte Wirkung beobachtet. Der beste Rath ist wohl der, sich zur See aller der Speisen zu enthalten, zu denen man keinen Appetit hat oder vor denen man gar Ekel empfindet. Obschon ich gänzlich von der Seekrankheit befreit blieb, mußte ich mir doch den Genuß von Kaffee und Wein versagen, da ohnfehlbar Erbrechen erfolgt wäre. Gutes Bier ist den Seekranken am willkommensten, da es der Magen am wenigsten wieder ausstößt; leider ist der Transport beschwerlich, da man es nur in Flaschen mit sich führen kann.
Wer von der Seekrankheit verschont bleibt, hat wirklich alle Ursache, sich zu gratuliren, denn abgesehen davon, daß dieser Zustand mit vielen Leiden verbunden ist, entzieht er uns den Genuß aller Reize und Schönheiten, die die See darbietet. Am meisten überraschte mich ihr schneller Eintritt bei vielen meiner Mitreisenden. Kaum hatte uns das Dampfschiff, welches uns aus dem Hafen des Havre gebracht hatte, im Canale unserem Schicksale überlassen, als sich mit dem Schwanken des Schiffes die von Allen gefürchtete Seekrankheit einstellte. Freund W....... und ich hatten uns zu einem jungen Tischler gesellt, welcher mit einem schönen reinen Tenor Prochs Alpenhorn mit Guitarrebegleitung zum Besten gab. Der größte Theil der Passagiere lauschte den schönen Tönen; aber noch war das Lied nicht zur Hälfte beendigt, als von jeder Seite des Schiffes 10-12 Köpfe in die See hinabschauten, um die von ihnen ohnlängst genossene Nahrung den Fischen als willkommenes Futter zu spenden.
Einige wurden gleich am ersten Tage von der Seekrankheit mit solcher Heftigkeit befallen, daß sie während der ganzen Reise das Bett nicht verlassen konnten, und bei der Ankunft in New-York so matt waren, daß sie nicht aufrecht zu stehen vermochten. Selbst der geistliche Hirte blieb von der Krankheit, die den größten Theil seiner Heerde befallen hatte, nicht verschont, und es nahm sich gar possirlich aus, wenn er mit langem schwarzen Rock, schwarzen kurzen Hosen und Kanonenstiefeln angethan sein Haupt neigte, um der Urquelle ihre Spenden zurückzugeben.
Viertes Capitel.
Angst und Vaterfreuden. Eine Kindtaufe und ein Taufschein.
Vierzehn Tage lagen hinter uns, als uns ein Ereigniß überraschte, welches viele Heiterkeit erregte. Wir hatten nämlich auch einen Bauernburschen mit an Bord, der mit seiner Geliebten, einer runden Dorfschönen, sein Heil in Amerika versuchen wollte, da ihre Liebe Früchte zu tragen versprach, und ihnen die Erlangung des Heirathsconsenses zu Hause unmöglich war. Wider Erwarten des Mädchens stellten sich in Folge der Reise etwas früher die Wehen ein, welche ihren getreuen Liebhaber, der mit geistigen Gaben nicht besonders gesegnet war, und in dieser Hinsicht wohl auch noch keine besonderen Erfahrungen gesammelt haben mochte, in nicht geringe Angst und Verlegenheit versetzten. Freund W....... erbarmte sich seiner und nahm mit unserem menschenfreundlichen Capitain Rücksprache, welcher sofort dem Schiffszimmermann die Errichtung einer Bettstelle befahl, welche durch umhergehängte Segeltücher von dem übrigen Zwischendecke abgeschlossen wurde. Kurze Zeit darauf hörten wir einen jungen Republikaner und Bürger der Vereinigten Staaten[ [2] in dem künstlich geschaffenen Kabinette schreien, und unsere Reisegesellschaft hatte nun trotz aller Matrosen und Gensdarmen ein Mitglied unter sich, welches keine Ueberfahrtskosten zu entrichten hatte.
[2]: Kinder, welche auf amerikanischen Schiffen geboren werden, haben dieselben Rechte, wie diejenigen, welche in Amerika das Licht der Welt erblicken.
Bald nach der Geburt kam der glückliche Vater auf Freund W....... und mich zu, um von uns in Betreff der Taufhandlung sich einen Rath zu erbitten. Wir zeigten auf den katholischen Priester hin, der gemächlich, die Hände auf den Rücken gelegt, auf dem Verdecke hin und her gieng. Aber ein frommes Entsetzen ergriff den guten Menschen bei dem Gedanken, daß er als Protestant sein Kind von einem römisch-katholischen Geistlichen taufen lassen sollte. »Sind Sie denn evangelisch?« fragte er uns ängstlich, und erst, als wir Beide bejaht hatten, klärte sich sein Antlitz wieder auf. »Kann denn der das Kind evangelisch taufen?« fragte er abermals. Da wir der Ansicht waren, daß wir ihm nur mit großer Mühe eine richtige Anschauung der Sachlage eintrichtern könnten, erklärten wir ihm, daß wir es statt seiner besorgen wollten, daß der »katholische« Pfarrer sein Kind »evangelisch« taufe. Wir wandten uns nun mit der Bitte an den Priester, daß er das Kind in die »christliche« Kirche aufnehmen möge, was er denn auch für den nächsten Sonntag richtig zusagte.
Der hohe Festtag war erschienen, und das Schiff lag wegen eingetretener Windstille ruhig auf der spiegelglatten See. Der Capitain hatte sich selbst zu Gevatter gebeten, was der Bauer als eine große Ehre freudig annahm. Eine Tonne wurde auf dem Raume vor der Cajüte aufgestellt, mit Brettern belegt und mit einem großen weißen Tuche bedeckt. Ein Crucifix wurde ebenfalls mit dem nöthigen Taufgeschirr herbeigeschafft, welches seine Dienste that, obschon es nur aus einem Waschbecken und einer Obertasse bestand. –
Indessen gieng es im Zwischendecke munter zu. Alles, was gesund war, machte sich an seine Toilette; die Männer rasirten sich, die Weiber flochten sich die Haare, der Herr Pfarrer wichste die Kanonenstiefeln und packte seinen neuen schwarzen Anzug aus, und der Capitain warf sich in der Cajüte in fashionablen Frack und »Unaussprechliche.«
Als Alles zum feierlichen Akte vorbereitet war, ließ der Capitain mit der Schiffsglocke ein Zeichen geben, und langsam gieng es aus dem unteren Raume auf das Verdeck, auf dem sich die Versammlung in zwei langen Reihen aufstellte.