Die Rede des Geistlichen und die Taufhandlung war einige Stunden vorüber, als unser Bauer mit rothem Kopfe und einem Blatt Papier in der Hand auf W....... und mich zukam und uns einen Taufschein überreichte, der ihm auf sein Verlangen vom Pfarrer ausgestellt worden war. Derselbe enthielt die Bestätigung, daß das Söhnlein des Bauern N. N. in die Gemeinschaft der heiligen römisch-katholischen Kirche aufgenommen worden sey. Nun war uns die Sache doch nicht mehr zum Spaßen, als wir sahen, daß uns ein Jesuitenstücklein gespielt worden sey, welches der Herr Pfarrer in Innsbruck erlernt haben mochte; wir nahmen deßhalb den Taufschein zu uns, und ich schrieb einen zweiten, in welchem ausdrücklich bemerkt war, daß von dem katholischen Priester N. N. das Kind in die Gemeinschaft der »christlichen« Kirche aufgenommen worden sey. Nachdem dieses neugeschaffene Dokument vom Capitain als Pathen, von dem Vater und der Mutter des Kindes als Eltern und von W....... und mir als Zeugen unterschrieben war, gaben wir es erst dem Herrn Pfarrer zur Unterschrift, der sich dem Geschäft mit saurem Gesichte unterzog, worauf in seiner Gegenwart der von ihm geschriebene Taufschein über Bord flog.
Jetzt erst war das tiefgeängstigte Elternpaar wieder guten Muthes. Die ganze Geschichte wurde aber, trotz aller Bemühungen, sie geheim zu halten, auf dem Schiffe ruchbar, und die nächste Folge davon war die, daß, als eine zweite Frau 14 Tage später ebenfalls gebar, der Vater des Kindes dasselbe um keinen Preis von dem Pfarrer taufen ließ, sondern fest erklärte, ihm erst in Cleveland, seinem künftigen Wohnsitze, von einem evangelischen Prediger die Weihe der Kirche ertheilen lassen zu wollen.
Fünftes Capitel.
Ein Sturm. Damenhüte. Bemerkungen über die Einwanderung in Nord-Amerika.
Bis hieher war unsere Reise eine durchaus angenehme; wir hatten immer gutes Wetter und einige Tage Windstille ausgenommen immer günstigen Wind, so daß die Hälfte der Reise wider Erwarten rasch gemacht war. Wir sollten aber auch etwas von den ernsten Unannehmlichkeiten und Gefahren des Seelebens kosten, nämlich einen Sturm. – Schön hatte der Tag geendet, und Alles war bis auf die Matrosen in tiefen Schlaf versunken, als sich der Wind drehte. Gegen Morgen war der Sturm in vollem Anzuge. Das laute Commando des Capitains, das Geschrei und der Gesang der Matrosen, die bei dem Nahen der Gefahr eine ganz besondere Munterkeit befällt, wie das schrille Pfeifen des Windes weckten Alles im Zwischendecke. Jedes fuhr schnell in die Kleider, um sich auf dem Verdecke von dem Gange der See zu überzeugen. Die neugierigere und zartere Hälfte des menschlichen Geschlechts kam zuerst im Negligé die Schiffstreppe hinauf. Kaum aber hatten die Weiber die Köpfe aus den Lucken gesteckt, und das Aechzen der Masten und Raaen, sowie das Brausen der daherrollenden Wogen gehört, als sie sämmtlich nach Unten eilten, und durch ihr furchtbares Zedergeschrei alle noch schlafenden Kinder aufweckten, welche den Chorus nach Leibeskräften verstärken halfen. Rasch stieg ich nun auf das Verdeck, um zu sehen, ob Gefahr vorhanden sey; aber kaum war ich oben angelangt, als ich mir beim Anblick der tobenden See meine Unerfahrenheit in solchen Dingen sofort eingestehen mußte.
Mein Freund W....... kam auf mich zu und theilte mir mit, daß der Capitain guter Dinge sey und ihm versichert habe, daß sein Schiff dergleichen Stürme auf jeder Reise zu bestehen hätte. Ganz ermuthigt versuchte ich nun, auf dem Verdecke, das von hereingeworfenem Seewasser so schlüpfrig geworden war, daß man kaum darauf gehen konnte, in die Nähe einiger Passagiere zu gelangen, als auf einmal eine große Welle gegen die linke Seite des Schiffes heranrollte, dasselbe in die Höhe hob, das ganze Verdeck mit Wasser überschüttete und mich auf die rechte Seite des Schiffes hinabschleuderte, daß ich in die tobende See hinausgestürzt wäre, hätte ich mich nicht noch instinktartig an der Gallerie, die um die Cajüte lief, angeklammert. Ein Matrose sprang mir zur Hülfe und brachte mich zur Lucke, durch die ich sehr kleinlaut und gequält von Schmerzen am ganzen Körper hinabstieg, um mich auf meine Matratze von Seegras zu begeben und daselbst über meine unberufene Neugierde nachzudenken.
Inzwischen hatte der Sturm zugenommen. Weiber und Kinder schrieen nach Leibeskräften; eine Wassermenge um die andere stürzte durch die Lucken, die man nicht verschließen durfte, wollte man uns nicht der Gefahr des Erstickens Preis geben. Durch das heftige und rasche Hin- und Herschwanken des Schiffes machten sich, um die Verwirrung und den Lärmen noch größer zu machen, auch noch Koffer, Kisten und sonstige Reiseeffekten von den Stricken los, mit denen sie befestigt waren, und rollten von einer Seite zur andern. Zugleich rauschte bei jeder Bewegung des Schiffes das Wasser im Zwischendeck herüber oder hinüber, was für die meisten Ohren keine sehr erfreuliche Musik war.
36 Stunden hatte der Sturm so getobt, während welcher Zeit ich mich nur von rohem Schinken und Schiffszwieback nährte, da man an Kochen gar nicht denken durfte. Die meisten Passagiere, namentlich die Weiber und die Kinder, genossen aber, so lange das Unwetter währte, aus Angst und Jammer gar nichts und viele Andere konnten das wenige Genossene nicht bei sich behalten, da sie von der Seekrankheit im höchsten Grade befallen waren.
Als ich das Verdeck wieder betrat, war bereits wieder ein Segel an dem Hauptmast erschienen. Die See ging aber, obschon der Wind bedeutend von seiner Heftigkeit verloren hatte, noch volle 24 Stunden hoch, und löschte uns einmal um's anderemal unser mühsam gemachtes Feuer wieder aus, das dem öden Magen eine warme Suppe verschaffen sollte. –
Aber welches Schauspiel wäre Dir, lieber Leser, geboten worden, hättest Du jetzt einen Blick in das Zwischendeck werfen können! Blasse Gestalten krochen hie und da aus den Bettstellen, um in allen Winkeln des Schiffes ihre entführten Siebensachen aufzusuchen. Nun entstand erst das rechte Seufzen und Wehklagen, als Viele, die ihre Vorräthe und ihr Gepäcke nicht vorsichtig genug befestigt hatten, den ungeahnten Schaden bemerkten. Namentlich gieng viel Wein verloren, den man in großen eingeflochtenen gläsernen Flaschen mitgenommen hatte, die natürlich eine Carambolage mit einem Koffer oder einer Kiste nicht auszuhalten vermochten. Schiffszwieback, vom Seewasser durchweicht, und Unrath aller Art war über den ganzen Boden verstreut, und gab uns eine angenehme Aussicht auf appetitliche Beschäftigung. Mehrere Tage vergiengen, ehe Alles wieder im alten Gleise war.
Den größten Verlust hatte aber unstreitig eine deutsche Putzhändlerin aus Paris erlitten, die mit mehreren Dutzend Damenhüten vom feinsten Stoffe, welche mit täuschend nachgemachten Blumen verziert waren, nach New-York auszuwanderen beschlossen hatte, um die amerikanischen Ladys mit den Erzeugnissen ihrer Kunst zu beglücken. Sie hatte die Unvorsichtigkeit begangen, die in einfache Pappschachteln verpackten Hüte unter ihrem Bette zu verwahren, wo sie von dem Seewasser total verdorben wurden. Manches Frauenherz wäre gewiß bei dem Anblick des so unbarmherzig vernichteten Putzes tief bewegt worden! Das ist das Loos des Schönen auf der Erde.