Die Passagiere waren fast ohne Ausnahme vermögende Leute; Einzelne führten sogar Reichthümer mit sich. Manchem Finanzmanne möchte ich den Rath geben, einmal auf einem Auswandererschiffe die Reise nach New-York mitzumachen, damit er nach der Ankunft in Amerika bei der Visitation des Gepäckes durch die Zollbeamten die großen Geldsäcke mit eigenen Augen sehen könnte, welche durch die Auswanderer in die Fremde geschafft werden. Die Amerikaner haben nur zu wohl die ungeheuere Wichtigkeit der Einwanderung erkannt und begünstigen sie auf alle Weise. Ihnen ist der Reiche wie der Arme willkommen; der erstere bringt Capitalien, der letztere Arbeitskräfte mit, die in diesem Lande, in welchem noch so Manches in der Kindheit liegt, trotz der täglichen Ankunft so vieler Menschen immer noch ihren Werth behauptet haben, wenn sie sich nur geschickt zu vertheilen wußten.

Nach einer Berechnung soll im Jahre 1847 eine Baarsumme von 5,000,000 fl. allein von Deutschen in Amerika eingeführt worden seyn, was Niemand Wunder nehmen wird, der weiß, wie viel reiche Grundbesitzer in diesem Jahre auswanderten. Jedes Jahr nimmt die Auswanderung zu, und hat selbst im Jahre 1848, wo sich doch der Verwerthung von Gütern und Grundbesitz so bedeutende Schwierigkeiten entgegensetzten, einen so hohen Grad erreicht, daß die Bevölkerung Nord-Amerikas in diesem Einen Jahr um 10 Prozent stieg.

Die große Ausfuhr von Baargeld wird mit der Zeit ohne Zweifel sehr fühlbar werden, denn wenn wir auch gerne zugestehen, daß der Hauptreichthum unserer Nation in dem Ackerbau besteht, so wird doch Niemand behaupten wollen, daß wir die Industrie entbehren können und diese ohne flüssige Capitalien arbeiten kann.

Sechstes Capitel.
Napoleon. Baldiges Ende der Seereise. Unerwarteter Aufenthalt. Land. Die New-Yorker Piloten.

Gerne verkehrten W....... und ich mit einem Bauer aus Schwaben, der eine große Gemüthlichkeit, einen guten Humor und einen gesunden Menschenverstand besaß. Er hatte lange als Bauernknecht im Würtembergischen gedient und sich durch Sparsamkeit ein kleines Vermögen erworben. Auf unsere Frage, was ihn zur Auswanderung bestimmt hätte, erzählte er uns, daß ein Schul- und Ortskamerade von ihm vor Jahren nach Amerika ausgewandert sey und ihm geschrieben habe, daß er hinüberkommen solle, da er in Deutschland doch nur ein Lump bleibe, während er drüben wie Napoleon leben könne. Von jenem Augenblicke an hieß er, da uns einige Spottvögel zugehört hatten, allgemein der Napoleon, und wir lachten oft auf's Herzlichste, wenn ein deutscher Matrose aus dem Holsteinischen, mit dem er enge Freundschaft geschlossen hatte, in's Zwischendeck hinabrief: »Napoleon! gehe herauf! Du mußt Holz hauen und Erdäpfel abschälen.«

Wir näherten uns allmählig dem Ende unserer Reise. Ohne zu wissen, unter welchem Längen- und Breitengrade wir schwammen, bemerkten wir doch, als wir noch ungefähr 2-300 engl. Meilen von der Küste entfernt waren, daß die Küste nahe sein müsse, da eine auffallende Menge von Schiffen in unserem Gesichtskreise segelte, während wir früher oft in 8 Tagen nur 2-3 Schiffen begegnet waren.

Endlich gab uns der Capitain die längst ersehnte Kunde, daß wir am anderen Tage Land erblicken würden. Nun war Alles in der freudigsten Bewegung; bessere Kleider wurden aus den Koffern genommen; alte, auf der Reise abgebrauchte Gegenstände flogen in die See und ringsherum sah man fleißige Hände, die sich eigener und fremder Verschönerung beflißen. Die meiste Mühe machte die Reinigung der Haut von einem fettigen Schmutze, den das Seewasser beim Waschen zurückläßt, da Süßwasser hiezu nicht verwendet werden darf. Ich machte lange vergebliche Versuche mit einem Handtuch und einem großen Stück Seife zum allgemeinen Ergötzen der Matrosen, die laut auflachten, daß ich mich vergeblich roth wie ein gesottener Krebs gerieben hatte, und meine Bemühungen wären wohl erfolglos geblieben, hätte sich der Landsmann aus Holstein nicht erbarmt und mir eine eigene Art Seife und einen wollenen Fleck gebracht, welche allein dem Körper die lange entbehrte Reinlichkeit wieder geben können.

Die geehrten Leser werden der Versicherung wohl Glauben schenken, daß wir Alle ohne Ausnahme die Nacht in großer Unruhe hinbrachten. Eigene Gefühle belebten das Herz bei dem Gedanken, in Bälde das neuerwählte Vaterland, dem Alle hoffnungsvoll entgegeneilten, vor Augen zu haben. Dazu kam noch die Freude, die lange, wenn auch immerhin glückliche Seereise mit ihren Gefahren und Entbehrungen überstanden zu haben; W.......s, wie meine eigene poetische Natur, deren kühner Flug sich auf der Reise manchmal zum Ueberirdischen aufzuschwingen versucht hatte, sank jetzt auf einmal zum Gemeinen herab und freute sich auf ein Stück frisches Rindfleisch und ein gutes Glas Bier, während die Frauen laut jubelten bei der sich öffnenden frohen Aussicht auf – Milch zum Kaffee.

Fröhlich sprangen wir schon Morgens 4 Uhr aus den Betten, um das gelobte Land zu erblicken; aber leider war unsere Hoffnung zu Wasser geworden, denn in der Nacht hatte sich ein neidischer Nebel über die See gelagert, der uns die Aussicht gänzlich versperrte. Traurig stand ich auf dem Verdeck, als Freund W....... meinen Aerger noch durch die Mittheilung vermehrte, daß der Capitain Befehl gegeben habe, Anker auszuwerfen, da er um keinen Preis bei dem trüben Wetter näher an die gefährliche und klippenreiche Küste fahren, sondern einen Piloten erwarten wolle. Den ganzen Tag mußten wir so in einer unerträglichen Langeweile hinbringen, ohne einen Fußbreit vorwärts zu kommen, da es sich durchaus nicht aushellte. Als der Abend hereingebrochen war, ließ der Capitain einige Raketen steigen, um einen Lotsen an Bord zu bekommen, was denn auch zu Aller Freude in der Nacht gelang.

Dieser unvermuthete Aufenthalt in der Nähe der Küste war uns um so unangenehmer, als wir gerne am 3. Juli in New-York angelangt wären, um am nächsten Tage das große Fest mitzufeiern, welches die Amerikaner zu Ehren und zum Gedächtnis der am 4. Juli 1776 von ihren Vätern in Philadelphia gegebenen Unabhängigkeitserklärung von England mit großem Pompe begehen.