In der Nacht des 2. Juli war der Pilot erst an Bord gestiegen, und es fragte sich sehr, ob uns ein günstiger Wind in den nächsten 48 Stunden an's Land treiben würde. Der Capitain lächelte stillvergnügt zu unseren betrübten Gesichtern, hatte aber ganz im Geheimen bereits Vorsorge getroffen, sie bald wieder aufzuklären.
Als wir am anderen Tage von unseren zerlegenen und sehr hart gewordenen Matratzen auf das Verdeck eilten, hatte sich der Nebel gänzlich gelegt, und – ein lauter Schrei des Entzückens entfuhr uns, als wir im herrlichsten Sonnenschein Sandy Hook mit seinen 3 Leuchtthürmen vor uns erblickten. Reichlich waren wir für das Unangenehme der letzten Tage entschädigt. Die Staffage dieser herrlichen Seepartie bildeten Hunderte von Schiffen, welche theils wie wir vor Anker lagen, theils von Dampfschiffen der Bay von New-York zugeführt wurden. Weithinaus war das Meer, so weit nur das Auge reichen konnte, mit kleinen Fahrzeugen übersäet, welche theils Pilote, theils rüstige Fischer trugen, die die ungeheure Stadt täglich mit frischen Seefischen versehen.
Es sey mir gegönnt, hier Einiges über die New-Yorker Piloten zu sagen. Diese kühnen Männer, welche nicht allein die genaueste Kenntniß der Küste mit ihren Klippen und Untiefen, sondern eine eben so gute seemännische Bildung, wie die Capitaine selbst, haben müssen, da sie sofort nach ihrer Ankunft an Bord das Commando des Fahrzeugs übernehmen, bilden in New-York ein wohlorganisirtes Corps. Ihre Dienstzeit ist ihnen regelmäßig vorgeschrieben und ihr Nahrungsstand gesichert, ob sie nun im Jahre viele oder wenige Schiffe einbringen. In kleinen, aber scharf und schlank gebauten, daher auch sehr schnell segelnden Fahrzeugen kreuzen sie oft mehrere Tage und Nächte in der Nähe der Küste, ja sie wagen sich oft 3-400 engl. Meilen in die offene See hinaus, um ihr menschenfreundliches Geschäft auszuüben. Selbst beim stürmischsten Wetter halten sie das hohe Meer, um hülfsbedürftigen Schiffen Rettung bringen zu können. Der Muth und die Verwegenheit dieser Männer übersteigt allen Glauben, sowie ihre Erfahrung und Sicherheit allgemeine Bewunderung erregt.
Hier möge auch einer That Erwähnung geschehen, welche nicht allein Amerika, sondern auch Europa mit gerechtem Erstaunen erfüllte. Ein New-Yorker Pilot unterzog sich dem gefährlichen Geschäfte, mit seinem Boote[ [3] Nachrichten von Wichtigkeit eher nach dem 3000 engl. Meilen entfernten Liverpool zu bringen, als es dem abgehenden Dampfschiff, welches die Reise gewöhnlich in 13-14 Tagen macht, möglich wäre. Er kam nun zwar später als das Dampfschiff in England an, aber die in Liverpool anwesenden Seeleute von allen Nationen der Erde staunten über die Kühnheit einer That, die auszuführen bis zu dieser Stunde noch keiner für möglich gehalten hatte.
[3]: Pilotboat.
Die New-Yorker Piloten sind, da viele von ihnen als Capitaine weite und gefahrvolle Reisen nach allen Welttheilen gemacht haben, nicht allein kühne, sondern auch sehr gebildete Leute, und unterscheiden sich darin wesentlich von den Lotsen anderer Länder, die zwar auch eine genaue Kenntniß ihres Terrains, aber nicht den Takt und das Benehmen haben, welches bei den New-Yorker Piloten einen so wohlthuenden Eindruck macht.
Siebentes Capitel.
Schilderung der Küste. Staatenisland. Die Makler in New-York.
Wir waren sämmtlich noch im Anschauen der reizenden Küste versunken, als sich uns ein Dampfschiff näherte, welches uns in den Hafen schleppen sollte. Es hatte den Quarantainearzt an Bord, der den Gesundheitszustand unseres Schiffes untersuchte und denselben bis auf wenige Seekranke vortrefflich fand, weßhalb er uns sofort die Erlaubniß zum Einlaufen ertheilte. Nun war Alles von frohen Empfindungen bewegt; selbst Diejenigen, welche seit vielen Wochen nicht auf das Verdeck gekommen waren, ließen sich heraufführen, um mit den Anderen die herrliche Küste und die Bay von New-York zu bewundern, in die wir bald gelangen sollten.
Plötzlich brauste der Dampf aus dem Rauchfange des Steamers und vorwärts gieng es dem Lande zu. Wir kamen an mehreren Schiffen vorüber, die ebenfalls Auswanderer an Bord hatten; ein fröhliches, herzliches Hurrah, welches wir jedesmal munter erwiderten, ertönte, so oft wir vorbeifuhren. Als wir Coonyisland, eine kleine Insel, welche die New-Yorker im Sommer fleißig zum Gebrauche der erfrischenden Seebäder besuchen, aus den Augen verloren hatten, näherten wir uns allmählig der schmalen Einfahrt (Harbour), die man nothwendigerweise passiren muß, wenn man in die Bay von New-York gelangen will. Dieser wichtige Punkt, der Schlüssel von New-York, ist von den Amerikanern natürlich bedeutend befestigt worden. Zu unserer Rechten erblickten wir auf einem ziemlich steilen Hügel das Fort Hamilton mit seinen Casematten und bombenfesten Kasernen, dessen Kanonen drohend auf uns herabblickten. Lustig flatterte von den Batterieen das stolze Sternenbanner der Republik. Zur Linken waren ebenfalls dicht an der Küste starke Werke sichtbar, und um jedes Eindringen von der Seeseite unmöglich zu machen, liegt fast in der Mitte der Einfahrt ein anderes massives und bombenfestes Fort, welches im Vereine mit den Strandbatterieen feindlichen Schiffen sicheres Verderben droht.
Als wir endlich in die Bay selbst gelangten, erblickten wir das liebliche Staatenisland mit seinen freundlichen Villen und Gartenanlagen, welches nebst Hoboken der Haupt-Sommeraufenthalt der New-Yorker ist. Fast alle vermögenden Kaufleute bringen hier mit ihren Familien die heißen Sommermonate zu. Jeden Morgen fahren sie von da mit den regelmäßig gehenden Dampfschiffen zur Stadt, um ihre Geschäfte zu besorgen, und kehren dann um 3 Uhr, zu welcher Stunde die größeren Geschäfte geschlossen werden, zurück.