Da sah er abseits ein Gehöft, von dessen niederm Dach die Schindeln morsch herunterhingen. Er fuhr hin, stieg ab und spähte durch das Tor. Auf dem Brunnenrande saß ein Mädchen, den Kopf hatte es in die Schürze gesteckt und man hörte, daß es bitterlich weinte. »Jungfer, was fehlt Euch?« fragte Schlupps. Sie fuhr hoch und sah erschreckt zu dem Manne auf; als sie aber in ein gutmütiges Gesicht blickte, faßte sie sich ein Herz und fragte ihn, was er wolle. Er erzählte ihr, daß er Nachtlager suche, denn die Wirtshäuser wären zu teuer.
»Kommt nur herein,« sagte sie. »Ich fürchte Euch nicht. Stehlen könnt Ihr mir nichts. Meine letzte Ziege ist gestern gefallen und mir werdet Ihr wohl kein Leid antun. Und wenn auch, das Sterben ist mir nicht unlieb; denn das Leben ist mir verleidet.« »Redet nicht so gotteslästerlich,« sprach er ernst. »Erzählt mir Euren Kummer, vielleicht kann ich Euch helfen.«
»Wißt,« hub sie an zu erzählen. »Der Hans und ich lieben uns schon lange. Der Hans ist der Schulzensohn und wollte mich zu seinem Weibe machen, aber sein Vater ist gar reich und hochmütig und hat den Hans mit der reichen Bäckertochter versprochen. Die ist häßlich und böse; ein freundliches Wort gönnt sie keinem Menschen. Wäre sie gut, wollte ich ihr den Hans gern lassen und für immer fortgehen, daß mich der Hans nicht mehr sieht und meiner vergißt. Aber, da ich weiß, was für eine Garstige sie ist, drückt mir der Kummer das Herz ab. Wie der Hans seinem Vater trotzte und sagte, er wolle nur mich haben, lachte der Schultheiß spöttisch und meinte: »Die Eve, die so arm ist, daß sie nicht einmal ihre Hochzeit ausrüsten kann und die Gäste Essigwasser anstatt Wein zu trinken bekämen! Wenn aus der Eve ihrem Brunnen roter Wein kommt, darfst du sie heiraten!« Das ist natürlich eitel Gerede gewesen; denn er weiß, daß so was nie möglich ist, und jetzt ist der Hans mit der Bäckin aufgeboten und Sonntag ist Hochzeit.«
»Tröstet Euch,« sagte Schlupps. »Es gibt Burschen, die gewiß noch schöner sind als der Hans. Ihr werdet einen anderen finden.« »Nimmermehr,« rief Eve. »Lieber in den Brunnen!« »Wartet ab und verliert die Hoffnung nicht; vielleicht weiß ich Rat. Legt Euch zu Bett, verschließt Eure Kammertür und vertraut auf Gott. Ich will im Stall bei meinen Pferden schlafen und ihnen den Hafersack umhängen.«
Als das Mädchen in seine Kammer gegangen war und es still im Hofe ward, ging der Bursche in die Gerätekammer, holte eine Schaufel und fing an, ein großes Loch im Hof zu graben und daneben noch eins. In die beiden Löcher aber tat er die Fässer mit saurem Wein, deckte Erde darüber und Steine, und das Faß mit rotem Wein versenkte er in den Ziehbrunnen. Dann legte er sich zu seinen Pferden auf die Streu und schlief ein.
Am andern Tage sagte er zu dem Mädchen: »Ich muß noch einmal fortgehen. Laßt meinen Wagen und die Pferde einige Tage bei Euch stehen. Es soll Euch nicht reuen.« »Gern,« gab sie zur Antwort. »Da ist noch etwas Heu und Hafer. Ich hab es nicht not, nehmt Ihr es. Ich will Eure Pferde wohl versorgen, wenn Ihr fort müßt.« Da verabschiedete sich Schlupps, ging in das Dorf und geradezu in den Bäckerladen, wo die Bäckertochter fein aufgeputzt da saß. »Was wollt Ihr?« fragte sie barsch. »Ein Brot,« sagte der Handwerksbursche demütig. »So nehmt, zahlt und macht, daß Ihr fort kommt. Braucht mich nicht so anzusehen.« – – – – – »Verzeiht Jungfer,« stotterte Schlupps und tat arg verlegen. »Hätte ich doch mein Lebtag nicht gedacht, daß ich des Kaisers von Welschland Frau hier leibhaftig vor mir sehen würde.« »Wen?« fragte die Bäckerstochter, und der Hochmut fing an, sich in ihr zu regen.
»Des Kaisers von Welschland Gemahlin, leibhaftig. Muß ich sie doch kennen, bin oft genug im Schloß gewesen und hab ihr gar prachtvolle Kleider gemacht. Denn wißt, ich bin ein tüchtiger Schneidermeister und hätte es können in Welschland weit bringen. Doch, wie es geht. Wollte wieder ins Vaterland. Hab aber oft zurückgedacht an die schöne Königin. Wenn Ihr Kleider hättet wie die – weiß Gott! Keiner tät wissen, daß Ihr nicht eine Prinzessin seid und daß Eure Wiege hinter den Mehlsäcken gestanden hat. Könnt Ihr mir nicht künden, wie Ihr heißt? – –« »Grit,« sagte sie und versuchte, recht holdselig zu lächeln, es wollte ihr aber nicht gelingen; denn die oberen Zähne hingen ihr über die unteren herab und so machte sie mehr ein Grinsen, denn ein Lächeln. »Grit,« wiederholte sie.
»Kann so was sein?« rief Schlupps. »Gibt es Wunder? Genau so hieß die Königin. Wer weiß, vielleicht hat mich der Zufall nicht umsonst hergeführt und der Prinz Xaver, der immer eine Frau sucht, die wie seine Mutter aussieht, seufzt nicht vergebens. Gewiß ist Euer Herz noch frei, Jungfer?«
»Das ist es eben,« sagte sie wehleidig. »Am Sonntag soll ich ehelichen, den Hans vom Schultheiß. Er hat mir soweit ganz gut gefallen, besonders weil ich ihn der Ev’, dem dummen Ding, nicht gönnte.« – –
»Was?« rief der Handwerksbursche erstaunt. »Ist so was möglich? Einem Bauern wollen sie Euch zum Weibe geben und seid doch nur für einen Prinzen geschaffen? Ei, hätte nicht gedacht, daß Ihr so herunterstieget. Aber um Eines bitte ich Euch. Laßt mich das Brautkleid machen, genau wie es die Königin trug, damit die Leute sehen, wen sie vor sich haben.«