Einsilbig, Luftschlösser bauend und zerstörend, gingen sie heim durch den starkduftenden Wald.
Inzwischen war Gertruds Jungfer mit der befohlenen Garderobe eingetroffen und hatte Grüße von dem gnädigen Herrn überbracht, der in den nächsten Tagen, vor der Reise, noch einmal herüberkommen würde. Gertrud war heftig erschrocken, sah aber bald aus einem Briefe ihres Mannes, der ihr fast gleichzeitig durch die Post zugestellt wurde, daß alles der Jungfer Aufgetragene zu der Spiegelfechterei gehörte, die er auszuüben beliebte.
Wie er ihr ganz kurz mitteilte, hatte er alle häuslichen Angelegenheiten so weit geordnet, daß man sie während seiner Abwesenheit mit gar nichts behelligen würde. Er befahl ihr dagegen einen Besuch in Laukischken nach dem Ersten jeden Monats, wobei sie sich den Anschein zu geben hätte, daß sie nach dem Rechten sähe. Sonst hätte er ihr nichts zu sagen, als daß er Nachricht über die Jungen erwarte, sobald er seine Adresse telegraphiert haben würde. Alles weitere sollte sich nach seiner Rückkehr finden.
Gertrud weinte viel über diesen Brief. Die große Unsicherheit ihrem Mann gegenüber, die alles in ihr zerstörte, woraus sie sich noch einen Lebensinhalt hätte schaffen können, nahm wieder ganz Besitz von ihr.
Sie wußte nicht einmal zu entscheiden, ob sie die Jungfer behalten oder wegschicken sollte. Wenn nur Maggie wieder zu Hause wäre! Sie lief vom Fenster zur Veranda und hinauf in Maggies Stube, von der aus sie den Weg übersehen konnte. Aber die Erwartete kam nicht, und ihr wurde immer banger. Sie rief nach den Kindern, die waren ihr aber zu laut und mußten wieder hinaus; sie ging zu Fräulein Perl, die in der Küche beschäftigt war, und fragte sie um Rat wegen der Jungfer. Fräulein Perl meinte, eine Hilfe könnte man jetzt gut im Hause brauchen, aber sie müßte auch wirklich eine sein. Darüber sprach man nun hin und her, bis Fräulein Perl ungeduldig wurde.
»Weißt du, Kindchen, ich habe zu tun, überleg dir's doch, es hat ja keine Eile. Bis zum Abendzug muß die Person ja doch hierbleiben. Laß sie nur gleich die Sachen der Jungen einräumen.«
»Ja, natürlich.« Sie gab den Auftrag und ging dann wieder auf die Veranda, um zu warten und zu grübeln.
Mit einem Angstschauer dachte sie an den Brief, den sie eben erhalten hatte, dachte an ihren Mann, der sie durch seine überlegene Art in immer größere Hilflosigkeit hineintrieb. Sie konnte sich mit ihrem weichen zärtlichen Wesen nur entfalten, wo man ihr Liebe bot. Vor harten, ironischen oder zweifelhaften Worten und Berührungen schreckte sie zusammen, sah sich angstvoll nach jemand um, der sie schützen könnte, und verstummte schließlich ganz.
Das war eine Schwäche, eine Verzärtelung, aber sie konnte nicht anders. In der ersten Zeit ihrer Ehe hatte ihr Mann sie auch darin bestärkt, sie seine Taube genannt und ihre zurückhaltende Scheu mit heißen Liebkosungen zu besiegen versucht. Das war ihm nie gelungen. Aber gegeben, gehorsam und ohne Maß, hatte sie ihm alles, was er wollte; denn sie fühlte sich im Unrecht gegen ihn, weil sie es nicht freudigen Herzens tat, und weil hier und da ein schmerzlicher sehnender Gedanke zu dem anderen flog, an den sie doch nicht mehr denken durfte.
Wie von einem unvergeßlichen Toten hatte sie zuletzt in den vielen unausgefüllten Stunden ihres Tages von ihm geträumt. Aber nun war er plötzlich wieder da, hatte ihr mit einem Blick wie früher gesagt: »Ich hab' dich noch lieb!«