Und da verschwanden mit einem Male alle trübsinnigen Grübeleien; der Himmel schien ihr so klar und hoch, als müßte sie hinauf, und ein Gefühl von Sicherheit kam über sie, als wenn sie nun stark und mutvoll der Zukunft entgegengehen würde. Und das alles nur, weil er wieder da war.
»Aber was willst du von ihm?« fragte dann wieder mahnend das Gewissen. »Du tust Unrecht. Das ist Sünde, das ist gefährlich ... Du brichst die Ehe in Gedanken.«
Die Kinder liefen vorüber und schrien ihr zärtliche Worte zu. Da nahm sie sich zusammen und sagte sich: »Ich will nicht, ich darf nicht an ihn denken!« Aber ein aufregendes Erwartungsgefühl zitterte doch in ihr, wich dem einer großen Angst und rang sich wieder durch, so daß sie zuletzt nicht mehr aus und ein wußte und mit klopfendem Herzen in den Garten eilte und zwischen den Taxushecken hin und her lief.
In dieser Stimmung traf Maggie sie bei ihrer Rückkehr und erzählte von der Begegnung mit Seckersdorf. Die paar Worte, die sie mit ihm über Gertrud gesprochen hatte, nahmen in ihrem Bericht eine feurige Färbung an und weckten Glücksschauer in der verschüchterten Seele der armen Frau.
Aber sie wehrte sich dagegen. »Sprich nicht mehr davon, ich fleh' dich an ... aus Mitleid sprich nicht mehr davon ... Es darf ja nicht sein!«
Doch Maggie wurde immer erregter in ihren Worten. Die ganze fremdartige Bewegung, die sie selbst am Vormittag empfunden hatte, sprach sie sich vom Herzen, und zuletzt, als Gertrud sich heiß und bebend aus ihrem Arme löste, rief sie ihr heftig zu: »Wenn ich du wäre, und solch ein Mann hätte mich lieb, und ich ihn, dann liefe ich zu ihm und sagte: 'Nimm mich ... gleich ... laß uns nicht eine Sekunde von dem grenzenlosen Glück verlieren, das wir für einander bereit haben.'«
Gertrud sah sie groß, mit leuchtenden Augen an. Sie wußte, das war Mädchengeschwätz, in Wirklichkeit würde das ganz anders kommen; und dennoch, ihr Herz schlug wild, und ein unbezähmbarer, sehnsüchtiger Wunsch nach dem Einziggeliebten brach sich Bahn.
»Ach, wenn ich heute mit gewesen wäre und hätte ... Nein, nein, Maggie, du führst mich in Versuchung ... und ich habe Angst ... ich werde schlecht ... Muß er sich selbst nicht sagen, daß es schlecht ist? Ich bin eine verheiratete Frau ... Und meine Jungen ... ach, meine Jungen!«
Sie weinte heftig. Aber Maggie fühlte, daß Gertruds Widerstand schon nachgelassen hatte.
Damit war sie für jetzt zufrieden. Die arme Gertrud mußte ja erst allmählich wieder zur Selbständigkeit und Glücksfähigkeit erzogen werden.