Bei Tisch, als der Oberförster Maggie mit Seckersdorf neckte – absichtlich, um Gertrud dabei zu beobachten, wie Maggie wohl merkte –, wechselten die Schwestern einen Blick des Einverständnisses, und Gertrud lächelte ein wenig.

So begann denn der Plan Gestalt anzunehmen, und alles ging langsam vorwärts.

Maggie sprach unausgesetzt von Seckersdorf und seiner Liebe zu Gertrud, als von etwas Selbstverständlichem. Sie dachte nicht ganz so, wie sie sprach, sie glaubte jedoch mit der empfänglicheren Phantasie der Schwester rechnen zu müssen, und redete sich dann allmählich in immer größere Wärme hinein. Oft wurde sie müde, wenn Gertrud immer dasselbe sagte: »Ich bin eine verheiratete Frau und darf an keinen anderen denken.« Aber sie ließ doch nicht nach und war zum erstenmal zufrieden, als eines Tages sich zu den üblichen Worten der Zusatz einstellte: »Bis daß ich frei bin.«

Sie kämpfte so ehrlich, die arme Gertrud. Sie schwankte und glaubte sich fest, sie beschäftigte sich, so gut sie konnte, im Hause und mit den Kindern. Aber wenn es ihr mühsam gelungen war, die gefährlichen Gedanken zu verbannen, stand Maggie da und sagte: »Gertrud, wenn er dich so sähe,« oder: »Was möchtest du sagen, wenn er die Türe aufmachte und die Arme ausbreitete?« oder ähnliche Torheiten mehr, die dann immer eine Überleitung auf das verbotene Thema abgaben.

Allmählich wurde da Gertruds Widerstand immer schwächer. Äußerlich und auch vor sich selbst. Sie fing an, die vergangenen Ehejahre zu vergessen und sich, wie in jener kurzen Zeit ihres Mädchenlebens, von dem süßen, bangen, aufregenden Gefühl beherrschen zu lassen, das in den Gedanken ausklang: »Er liebt dich noch immer!«

Sie blühte von Tag zu Tag dabei auf. Die ängstliche Spannung, durch die beständige Furcht erzeugt, etwas nicht recht zu machen, wich aus ihrem Gesicht, und es gab Augenblicke, in denen die stille, harmonische Heiterkeit, die früher einen guten Teil ihrer Schönheit ausgemacht hatte, ihr ganzes Wesen wieder durchleuchtete.

Maggie sah es mit Stolz und fühlte sich gehoben und glücklich.

Gertrud warf sich ihr nun ganz in die Arme. Was noch an Bedenken in ihr geherrscht hatte, verschwand, und sie gab sich der Schwester mit dem ganzen vollen Vertrauen ihres reinen, guten, törichten Herzens. Maggie wunderte sich oft und ärgerte sich auch manchmal über sie.

Ja, wenn Gertrud so war, so unpraktisch ehrlich, so gut, so weltunklug und unberührt von allem Niedrigen, das sich doch nun einmal nicht aus dem Leben fortleugnen ließ, dann war es begreiflich, daß Kurowski in seiner zynischen Gewissenlosigkeit sich unbehaglich mit Gertrud fühlen mußte.

Ob übrigens Seckersdorf, der einen durchaus zielbewußten, lebensklugen Eindruck machte, Verständnis für diese träumerisch unweltliche Art Gertruds besaß? Ob diese Liebe nicht im Grunde doch Einbildung von ihm war, nur weil er Gertrud nicht bekommen hatte?