Herr von Bork reichte ihr die Tanzkarte, die sofort von Hand zu Hand wanderte, nachdem Seckersdorf seinen Namen eingezeichnet hatte. Als Maggie dann den älteren Damen, die noch gruppenweise im Saale umherstanden, guten Abend sagte und sich hier und da mit einigen ballfiebernden jungen Mädchen unterhielt, immer von wohlwollenden, bewundernden Blicken empfangen, war sie schon sicher, daß sie an diesem Abend wieder die Gefeiertste sein würde.

Das freute sie wegen Seckersdorf.

Als die Musik mit der üblichen Polonäse einsetzte, kam es wie ein Rausch über sie.

Im Vollgefühl ihrer Jugendschönheit und Macht wuchs sie förmlich, und dem Rittmeister von Parchemb, auch einer von Gertruds Jugendverehrern, der sie zum Rundgang führte, hätte sie entgegenjubeln mögen.

Es war doch wunderbar schön, jung zu sein, ein Leben vor sich, die Zügel fest in der Hand. Vorwärts in alle die Freuden hinein!

Sie sprühte von Ausgelassenheit und Scherzen. Ihr Kavalier, ein schon etwas schwerfälliger Herr gegen Ende der Dreißig, konnte ihr nicht gut folgen, freute sich aber an dem Feuerwerk, das so munter auf ihn niederprasselte, und ersetzte durch bewundernde Blicke, was ihm an schlagfertigen Entgegnungen fehlte. Den Kameraden konnte er hinterher nicht genug von dem schneidigen Mädel erzählen, und so drängte man sich um Maggie mit Bitten um Extratouren und mit Scherzworten, die im Vorübergehen hingeworfen und lachend erwidert wurden. Es machte bald den Eindruck, als ob sie die einzige Dame wäre, die man für beachtenswert hielt. Die zuschauenden Mütter begannen die Köpfe zusammenzustecken, die tanzenden Töchter, die von ihren Herren minutenlang ohne Unterhaltung gelassen wurden, weil man beständig zu der Ecke hinübersah, in der Maggie Hagedorn mit dem jungen Prittwitz, einer der besten Partien des Abends, lachte, machten unzufriedene Gesichter, kurz, Maggie fing an, ihre bisher mit so viel Opfern gehaltene gute Stellung am heutigen Abend bei den Damen zu verlieren.

Sie merkte das wohl, aber es lag ihr heute nichts daran. Sie wollte sich amüsieren, froh sein, ausgezeichnet werden. Sie wollte zeigen, daß man nicht schön zu sein brauchte wie Gertrud, um doch alle Welt an sich zu fesseln. Aber wem wollte sie es denn zeigen?

In einem Anfluge von Schuldbewußtsein atmete sie beklommen auf und sah gedankenvoll zu Seckersdorf hinüber. Er hatte nur Extratouren mit ihr wie mit allen Damen getanzt und sich ihr weiter nicht genähert. Aber sie fühlte, daß er sie beobachtete, und ihr war, als ob sie sich vor ihm allein als gefeierte Ballkönigin zur Schau stellte.

Und endlich kam das Souper. Maggie war müde geworden von dem vielen Tanzen und Schwatzen und lehnte sich fest auf den Arm Seckersdorfs. Er führte sie zu einem Platz der hufeisenförmig gedeckten Tafel, an dem sie neben dem Gourmet Beckers saß, während sich ihm zur Seite ein neu verlobtes Brautpaar befand, und die Gegenübersitzenden ihnen durch einen hohen Tafelaufsatz verdeckt waren. Hatte er diesen abgelegenen Platz so ausgesucht, oder war es ein Zufall? Sie sah fragend zu ihm auf. Er verstand.

»Ich bin der Attentäter, Fräulein Hagedorn,« sagte er. »Werden Sie nicht bereuen, daß Sie mir das Souper gegeben haben?«