Das Abendessen – einfach mit vier Gängen, Maggie hatte alle gekostet, trotz ihrer Erregung – nahm seinen Fortgang. Trinksprüche wurden ausgebracht, man ging zu den Wirten, kehrte wieder auf die Plätze zurück, die Unterhaltung wurde lauter, Necken und Flirten lebhafter.
Maggie fühlte einen dumpfen Zorn in sich. Warum hatte sie sich eigentlich auf die ganze Geschichte eingelassen? Wenn die beiden sich so sehr liebten, sollten sie auch allein zusammenkommen. Nun war sie von dem allgemeinen Vergnügen ausgeschlossen und ... Nein – sie vergegenwärtigte sich das liebe, bleiche Gesicht Gertruds, mit dem weinenden Mund und den zärtlichen Augen –, jetzt war sie doch wieder mit Eifer bei der Sache. Was würde dieser große, starke, ungeschickte Junge nun sagen? Sie sah ihn fragend an.
Da fühlte sie ihre Hand gefaßt. Unter dem Tisch, mit einem festen Druck. Ein heißer Schauer überlief sie.
»Fräulein Maggie!« sagte Seckersdorf. »Ich will Ihnen jetzt sagen ... auf ihre Frage von vorhin ... Also damals, damals war mir ein Stück Leben weg, als die Sache mit Gertrud so auseinanderging, und ich noch den Großmütigen spielen mußte. Und als sie sich verheiratete, – ja, was soll ich sagen – leicht war's nicht. Aber das Schlimmste kam noch. Sie wissen vielleicht, meine beiden Vettern starben kurz nacheinander, ihr Vater, mein Onkel, rief mich zu sich nach Sachsen und adoptierte mich, und da bin ich mit einem Male in gute Verhältnisse gekommen. Und um die lumpige Kaution hatte ich sie aufgeben müssen. Das war mehr als hart.«
Maggie nickte teilnehmend und sah mit schweigender Aufforderung in sein bewegtes Gesicht.
»Es gab dann ja viel zu tun!« sagte er weiter. »Landwirtschaft zu lernen und die Uniform zu vergessen. Das ging. Nur in Frauengesellschaft, da hab' ich im Anfang manchmal die Zähne zusammenbeißen müssen. Wenn ich so dachte ... das liebe, weißblonde Köpfchen, das siehst du nie mehr darunter ...«
Es quälte ihn heute noch in der Erinnerung.
Maggie fühlte ihr Herz seltsam gepreßt.
»Aber, gnädiges Fräulein,« er sprach immer in demselben schlichten, stillen Ton, »die Gewohnheit und so das ganze Dasein, das hilft einem zuletzt über manches weg. Man wird auch älter. Man denkt schließlich an all das mit ein bißchen Rührung und Wehmut und sagt sich ... es wär' so schön gewesen ... aber es ging nun doch mal nicht. So wäre es auch geblieben ... wenn ich Gertrud als glückliche Frau wiedergesehen hätte. Aber als ich da neulich hier guten Tag sage, und komme zu den Damen – dem Kurowski hatt' ich schon die Hand gedrückt – und da find' ich sie so blaß, elend und so vergrämt ... Und wir sehn uns an ... und ... Ja, Fräulein Maggie, nach dem, was Sie mir heute erzählen, wie's mit ihr steht, braucht sie gar nichts weiter zu reden ... Aber Sie ... Wollen Sie ihr von mir sagen ... daß ich ihr ... daß ich ... mit Leib und Seele ... und wenn sie mich braucht ... und wenn sie frei ist ...?«
Er hielt inne und sah sich erschrocken um. Man hatte eben ans Glas geschlagen. Eine neue Rede wurde gehalten.