»Gute Nacht!« sagte Maggie kurz und lief hinaus.
Von nun an begann für Gertrud ein anderes Leben. Sie fing an, ernstlich über die Scheidung nachzudenken und wußte in ihrer Unerfahrenheit nicht, wie sie ins Werk zu setzen wäre. Ihren Vater wagte sie nicht zu fragen, Maggie konnte sicherlich auch nichts wissen, und Fräulein Perl, mit der sie einmal gesprächsweise und wie unbeteiligt das Thema berührte, sagte ihr so viel Entsetzliches und Skandalöses darüber und erzählte so abschreckende Geschichten, die sie an Bekannten – Gottlob nur wenigen – erlebt hatte, daß Gertrud seit der Zeit nur bebend daran denken konnte, unter ähnlichen Verhältnissen sich der Öffentlichkeit preiszugeben. Aber trotz aller Bangigkeit schwoll doch ein Glücksgefühl in ihr hoch, das sich in erwachender Energie und Lebensfreude äußerte. Sie beschäftigte sich im Hause, sie las und musizierte, und vor allem, sie war viel mit den Kindern, die sie sonst von jeher dem Kinderfräulein überlassen hatte. Und die kleinen lebhaften und liebenswürdigen Geschöpfe vergalten ihr das mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit und erschlossen ihr eine neue Welt voller unschuldiger Heiterkeit, in die sie sich hineinschmiegte, in der sie sich geborgen fühlte, in die auch die quälenden Gedanken an die Zukunft keinen Einlaß fanden.
Mit Maggie wollte sich die frühere innige Vertrautheit nicht wieder einstellen. Gertrud grübelte viel über das sonderbare Wesen der Schwester, machte hier und da einen schüchternen Annäherungsversuch und zog sich wieder zurück, wenn Maggie sie kurz oder gar höhnisch abwies. Zuletzt dachte sie, Maggie hätte ihr zwar das Opfer gebracht, mit Seckersdorf zu sprechen, aber schließlich erkannt, wie unwürdig und schlecht das im Grunde doch wäre, und verachtete sie nun. Maggie hatte ja auch tausendmal recht, und sie machte sich selbst ja auch Vorwürfe genug; aber zugleich dachte sie mit brennender Sehnsucht daran, Seckersdorf einmal nur zu sehen, einmal von ihm zu hören, daß er ihr gut sei, daß er warten wolle, bis ... Doch dieses »bis ...« fing nun an, sie furchtbar zu quälen. Wer riet ihr? Wer half ihr? Wenn sie nicht mehr daran denken wollte, holte sie sich ihren Ältesten, einen schönen, klugen, siebenjährigen Jungen und ließ sich die Angst von ihm fortschwatzen, oder sie lief mit beiden in den Wald und spielte mit ihnen im Garten, ganz Eifer und ganz Zärtlichkeit. Und so verliefen die Tage in Hangen und Bangen und doch friedlich und schön.
Maggie ging unterdessen schweigend und mit ihrem härtesten Gesicht herum.
»Was das Mädel mit einemal für Mucken hat?« wunderte sich der Oberförster oft über seine Jüngste.
Er sprach häufig von dem Waldlacker Abend, und daß Maggie an Gertruds altem Verehrer eine gewaltige Eroberung gemacht habe. Es wäre geradezu auffallend gewesen; und er könnte gar nicht begreifen, daß jener danach noch keinen Besuch gemacht hätte.
»Wenn er sich nur nicht deinetwegen scheut, Kind!« äußerte er gelegentlich eines Morgens, Gertrud mißvergnügt ansehend.
»Ich glaube nicht, Papa,« sagte sie verlegen.
»Blödsinn wär's auch! ... Und wenn das mit der Maggie was würde, könnte der Kurowski doch zufrieden sein, und du gingst wieder ruhig nach Laukischken zurück.«
Gertrud erschrak furchtbar. So also hatte Maggie das angefangen? Arme, gute Maggie! Sie stellte sich selbst bloß, sie gefährdete ihren Mädchenruf, vielleicht gar ihre Zukunft. Das ging ja gar nicht, das ging ja nicht!