Gertrud fröstelte und trat zurück.
»Siehst du!« höhnte Maggie. »Nicht einmal einen Luftzug kannst du vertragen. Du bist ein verzärteltes Ding. Geistig ist das ebenso. Dich mit den Verhältnissen in Einklang bringen, kannst du nicht ... Und kämpfen kannst du nicht ... Aber ich kann ... und ich will ... Ich sage dir jetzt also frei heraus, ich werde mir Mühe geben, Seckersdorf dir abwendig zu machen, ich werde ihn zu sprechen versuchen, wo ich kann, ich werde alles tun, um ihm zu gefallen, und alles, damit ich seine Frau werde.«
Gertrud sah sie blaß und traurig an. »Tu's!« antwortete sie leise. »In dem einen hast du recht, daß ich vielleicht nicht gut genug für ihn bin ... Und kämpfen um seine Liebe – nein, das kann ich nicht! Ich kann nur warten. Aber das tue ich auch in festem Vertrauen auf ihn ... Nachdem du mir seine Worte ausgerichtet hast ...«
»Warte du lieber nicht, Trude,« sagte Maggie weicher. »Laß uns beide ehrlich kämpfen. Schreib' ihm, triff ihn, zeig' ihm daß du ihm gut bist, – und ich will dennoch versuchen, ihn zu bekommen.«
»Quäle uns nicht weiter mit solchen Gedanken,« bat Gertrud. »Du weißt ja gar nicht, was du sprichst. Sei vernünftig und gut.«
»... und laß mir Seckersdorf!« spottete Maggie. »Nein, ich will nicht. Und sobald ich Gelegenheit habe, werde ich für mich tätig sein. Über Lebensauffassungen kann ich mit dir nicht streiten. Aber ich weiß sehr wohl, was ich sage, was ich will. Und wir werden ja sehen, wer zuletzt lacht.«
Gertrud wollte etwas erwidern, aber sie bekam kein Wort über die Lippen. Da stand Maggie, ihre geliebte Schwester, hochrot, und sah sie böse und kalt an.
Sie kam sich mit einem Male wieder so schwach, so unbedeutend und überflüssig vor, als ob ihr Mann da vor ihr stände und höhnisch zu ihr herüberspräche. Aber dann atmete sie auf. Gott sei Dank, Hans Seckersdorf war ja da – und hatte sie lieb.
»Wenn du das alles ernst meinst, Maggie, wird's mit unserer Freundschaft wohl aus sein!« sagte sie mutig. »Tue, was du willst. Schön ist's nicht, was du vorhast, und – ich glaube, vergeblich.« Sie ging nach der Tür. Da fiel ihr noch etwas ein. »Und ich verbiete dir, Maggie, mit Hans über mich zu sprechen!« setzte sie hinzu und ging hinaus.
Dann aber verlor sie ihre Fassung. Alle traurigen und bitteren Gedanken, die aus ihrer falschen Lage sich emporrangen, schwankten in ihr durcheinander. Und durch all das Schmerzliche, das sie in ihnen durchkostete, drängte sich noch beängstigend, verwirrend die Frage: Muß ich wirklich etwas tun, um mir Hans zu erringen, und was soll ich nur anfangen? Ihr wurde bange, wenn sie an Maggies Frische, ihre Klugheit und Anmut dachte. Aber selbst einen ersten Schritt tun, um Hans zu bestimmen? Nein, dreistes Entgegenkommen war in ihrem Falle Verbrechen. Sie konnte nur harren, ob er sie liebte, wie sie es glaubte. Gefühl und Sitte verlangten es. Und Gertrud gehorchte.