In all ihr Grübeln, Verzagen und Hoffen traf unerwartet ein Brief ihres Mannes. Ironisch freundlich, wie man mit Kindern zu sprechen pflegt, in dem Ton, den er ihr gegenüber brauchte, wenn er gut gelaunt war, forderte er sie auf, nach Nizza zu kommen, mit den Kindern und Bedienung. Es wäre dort schön, und er hätte sich's vorgenommen, ihr endlich ihre Launen abzugewöhnen.
Da wußte sie, zum ersten Male fast im Leben, was sie zu tun hatte. Sie sprach mit niemand über den Brief und beantwortete ihn auf der Stelle. Kühl und ruhig setzte sie ihrem Manne auseinander, daß und warum sie eine Trennung wünschte, und sagte ihm, daß sie nach seinem Benehmen gegen sie bestimmt annähme, er würde ihr nichts in den Weg legen. Nach Nizza käme sie selbstverständlich nicht. Ob sie bei ihrem Vater bliebe, wüßte sie auch noch nicht, würde es ihm aber in nächster Zeit mitteilen können.
Damit war der Kampf eingeleitet.
In dem Gefühl, sich von den Ihren durch diesen selbständigen und von ihnen sicher nicht gebilligten Schritt innerlich geschieden zu haben, zog sich Gertrud nun täglich mehr von ihnen zurück. Es wurde ihr leicht, da der Oberförster viel unterwegs war und Maggie ihr selbst aus dem Wege ging. Es war ihr nun ganz klar, daß die Schwester nicht in einer bösen, sonderbaren Laune zu ihr gesprochen hatte, sondern daß sie imstande sein würde, ernstlich als ihre Feindin zu handeln.
Und so sah sie ihre Stellung im Vaterhause unhaltbar werden, fühlte, daß man sie, die einst so geliebte und verwöhnte Tochter, nicht mehr gern dort sah, und begriff, daß sie über kurz oder lang mit ihren Kindern einen anderen Platz würde suchen müssen.
Natürlich zitterte sie vor dem entscheidenden Schritt, ängstigte sie sich vor den unsicheren Verhältnissen, denen sie, im Besitz so geringer Mittel, entgegenging. Aber es schien ihr doch alles nicht mehr so unmöglich, auch ohne die Hilfe des Vaters. Durfte sie doch hoffen, jenseits des alten Lebens die starke Hand zu finden, die nie wieder sie lassen wollte.
Maggie wurde inzwischen immer fester in ihrem Entschluß. Oft fragte sie sich: »Bin ich denn eigentlich verliebt in Seckersdorf?« und zuckte ebenso oft die Achseln über diese Frage.
Er gefiel ihr – natürlich. Er war eine männlich kraftvolle Erscheinung und brachte, trotz seiner einfachen Art, einen Hauch der großen Welt mit sich. Er wurde einmal sehr reich. Sein Onkel, der ihn bereits rechtsgültig adoptiert hatte, besaß außer Romitten mit seinen vier Vorwerken noch große Güter in Sachsen, von deren Ertragsfähigkeit man Wunder erzählte; er war Kammerherr und hatte verwandtschaftliche Beziehungen in den höchsten Kreisen, die natürlich dem Adoptivsohn auch zugute kamen. Welche Aussichten also für sie, die einfach bürgerliche Oberförsterstochter aus Ostpreußen! Eine Chance, von der sie sich nie hatte träumen lassen.
Daß Gertrud ihr ernstlich im Wege stand, unterschätzte sie durchaus nicht. Aber sie sagte sich: Wenn einmal ein Mensch heutzutage, wo so viel vom Willen und Sichdurchsetzen geredet und so wenig gehandelt wird, wirklich ernsthaft, unbedenklich und energisch auf sein Ziel losgeht, muß er es erreichen. Im Grunde war ja alles ringsum schwächlich, bequem oder sentimental. Wer das geschickt zu benutzen verstand, mußte gewinnen.
Sie machte sich ganze Szenen mit Seckersdorf zurecht. Sie ließ ihn so oder so sprechen und erwiderte, wie sie es mußte, wenn sie Gertrud in den Schatten und sich selbst in den Vordergrund bringen wollte. Sie überlegte sich alles bis aufs kleinste, was sie zu tun und zu lassen hatte, um Seckersdorf aus seiner alten Neigung für Gertrud in eine neue Leidenschaft für sie selbst hinüberzulocken. Aber zunächst mußte sie ihn treffen, und sie machte schon Pläne, das in die Wege zu leiten, als das Glück ihr zu Hilfe kam.