Sie lief in ihr Zimmer hinauf und weinte. Über Gertrud, über sich, über das ganze Leben.

Zum ersten Male seit der Vokeller Gesellschaft vermißte sie Gertrud. Sie hätte zu ihr hineinstürzen mögen und sich ausschreien. Vielleicht auch lachen über die ganze verfahrene Geschichte und einfach sagen: »Trude, sei gut ... du sollst ihn wieder haben.«

Und doch, nein – das würde sie nicht. Was fiel ihr denn überhaupt ein? Wollte sie nun auch anfangen sentimental zu werden?

Gute und böse Gedanken überstürzten sich in ihr und versetzten sie in einen Zustand fiebernder Unruhe. Einmal war es, als ob die ganze Berechnung, auf die sie ihr künftiges Leben gründen wollte, eine falsche sei, als ob sie verlieren würde, auch wenn sie's erreichte, Frau von Seckersdorf zu werden. Und eine fremdartige Angst packte sie. Aber dann verspottete sie sich selbst und verhärtete sich in ihren Grübeleien über Energie und die Berechtigung, ohne moralische oder sonstige Bedenken ihr Schicksal selbst zu schmieden. Zuletzt, wenn sie sich die ganze Situation überlegte, war diese Ungeschicklichkeit Gertruds ein rechter Segen für sie. Gertrud hatte einmal geschrieben, sie würde es vielleicht auch wieder tun, sie war also nicht ein wehrloses Opfer. Sie führte ihre Sache und kämpfte, wie sie, Maggie, selbst. Und der Schwester Position war die günstigere. Es hieß also sich zusammennehmen, anstatt zu träumen. Und nun, einmal in der Wirklichkeit, dachte sie an ihren natürlichen Bundesgenossen, ihren Schwager.

Ohne den Inhalt seiner letzten Briefe an Gertrud zu kennen, war sie doch überzeugt, daß er sich schon aus äußerlichen Gründen zu einer Scheidung nicht entschließen würde. Sie selbst erwog diese auch noch einmal und redete sich die Ansicht ein, daß es zweckmäßiger und vernünftiger wäre, wenn die Ehe nicht getrennt würde. Sie hatte sich nur durch Gertruds klägliche Flucht und Heimkehr zu einer falschen Auffassung verleiten lassen ... Man hätte Gertrud ernsthaft zureden sollen, energischer gegen ihren Tyrannen aufzutreten, nötigenfalls ihr dabei helfen müssen, anstatt –

Mitten in diesem Gedankengang sprang sie ärgerlich aus dem Winkel auf, in dem sie sich zusammengekauert hatte.

Wozu in aller Welt spielte sie sich selbst diese Komödie vor? Etwas tun mußte sie. Schreiben wollte sie an Kurowski. Er sollte nach Hause kommen. Gertrud wäre im Begriff ihnen fortzulaufen, und dann wäre der Skandal fertig.

Heiß von allem Denken setzte sie sich an den Schreibtisch, als man sie abrief. Nachbarbesuch war gekommen, die Auklapper Normanns, ein lustiges altes Ehepaar, dem man besonders nahestand. Maggie atmete erleichtert auf. Der Brief, der unangenehm und schwer abzufassen war, mußte also noch aufgeschoben werden.

Sie wusch sich rasch und lief hinunter, die Gäste zu begrüßen.

Wie Menschen aus einer andern Welt erschienen sie ihr heute. Und doch saßen sie behaglich und herzlich wie sonst in den gewohnten Ecken, tranken Grog wie sonst um diese Zeit, schwatzten gemütlich und neckten Maggie wie sonst.