»Nicht mehr nach unserem Erlebnis,« wiederholte Doktor Ender. »Ich bin in der Welt herumgewesen, habe gesehen und erlebt, was man als Reisender ohne Anhang und ohne Ziel erlebt ... Und zuletzt, als mich das zu ermüden anfing – ich auch die eine Note begriffen hatte, auf die mein ganzes Wesen – seit damals – gestimmt war – habe ich mich in eine Tätigkeit gestürzt, die nun eine Art Lebenszweck geworden ist ... Ich versuche nämlich, unschuldig Verurteilten zu helfen – nach meiner Meinung ist ihr Prozentsatz ein erschreckend hoher. – Alle großen Mordprozesse, bei denen die Täterschaft zweifelhaft ist, durcharbeite ich mit und suche sie mit Aufwand all meiner Kräfte und Mittel aufzuhellen. Hier und da habe ich auch schon einen kleinen Erfolg gehabt, – die öffentliche Meinung beeinflußt im Sinn der Gerechtigkeit. – Ich betrachte meine Arbeit als eine Art Sühne ... Sie werden das begreifen, nicht? ...«
Die Geheimrätin sah sehr bestürzt vor sich nieder und erwiderte nichts.
»Und Sie?« fragte er, als sie schwieg.
»Ach, mit mir hat's das Leben schließlich noch gut gemeint. Wohl als Revanche für die schrecklichen Erfahrungen ... Daß ich damals – nachdem ich Sie verließ, an der See schwerkrank war, und von da gleich nach Jena in eine Nervenheilanstalt geschickt wurde, haben Sie wohl noch erfahren ... Dann haben Sie ja aufgehört, nach mir zu fragen, wofür ich Ihnen übrigens von Herzen dankbar gewesen bin – denn ich hätte ein Zusammenkommen nicht mehr ertragen, wie ich auch lieber gestorben wäre, als nach Kreuzstadt zurückzugehen ... Nachdem dann die gräßliche Geschichte dort ihre – Erledigung gefunden hatte und ich wieder fähig war, unter gesunden Menschen zu existieren, bin ich nach Sagan gekommen. Daß der Tod meines Mannes, der bald darauf erfolgte, mich nicht besonders tief traf, werden Sie begreifen ... Zwei Jahre danach lernte ich in Thüringen meinen jetzigen Gatten kennen, und da ist dann alles Böse und Traurige versunken, und ich bin eine recht glückliche Frau geworden ...«
»Und die Buben – die Zwillinge?!« fragte Doktor Ender.
»Beide vor dem Oberleutnant – prachtvoll geworden. Und meine beiden Mädel aus dieser Ehe auch liebe, schöne Geschöpfe ... Ich bin eine sehr stolze Mutter – und, wie gesagt, ich habe allen Grund, zufrieden zurück und wohl auch in die Zukunft zu sehen.«
»Irmgard Splettner,« sagte Doktor Ender nach kurzem Schweigen, »ich bewundere Sie. Ich bewundere Ihre Selbstbeherrschung und Ihre Lebenskraft ... Fast noch jugendlich und blühend an der Schwelle des Alters ... Ich habe mich nicht so bemeistern können. Mir hat unser Erlebnis – unsere Schuld das Leben zerbrochen, jedes Streben vernichtet ... Dabei habe ich mir noch Vorwürfe gemacht, daß ich dich, das Weib, die schwächere, nicht stützen und trösten konnte – und nun bist du ...«
Bei diesem »Du« zuckte Frau Irmgard zusammen und machte eine kleine, abwehrende Bewegung.
Doktor Ender bemerkte es nicht. Er saß zusammengesunken da und sah mit den ausgeblaßten, trüben Augen starr vor sich hin.
»Lieber Freund – wir haben, seitdem das – das Peinliche sich ereignete, so viel erlebt und erfahren, Schlimmes und Gutes, jedenfalls Ausfüllendes – Sie doch auch – daß jenes Erlebnis restlos, man kann wohl sagen – verschlungen ist ... Warum jetzt noch einmal darauf zurückkommen? ...«