»Haben Sie denn wirklich und wahrhaftig vergessen – und ohne Gewissensqualen weiter leben können? ...«
Frau Irmgard seufzte ein wenig beklommen.
»Mein Gott, natürlich habe ich seinerzeit viel ausgestanden, tödliche Angst vor allem – aber es ist doch auch viel geopfert worden – alle Wünsche – und – das, ja – Sie wissen es ja am besten – wir haben uns doch nie wiedergesehn seitdem.«
»Ich weiß, daß wir auseinandergegangen und aneinander vorübergeschlichen sind wie zwei Feiglinge, wie zwei Verbrecher, die wir schließlich auch waren ...«
Frau Irmgard wurde weiß bis in die Lippen.
»Ich bitte Sie – leise! Was wollen Sie mit diesen pathetischen Worten – mit diesem gewaltsamen Aufwecken längst verschollener Dinge? Das war ein anderes Leben, so weit ab von dem jetzigen ...«
»Natürlich, natürlich.« Er nickte und lachte mit einem gequälten, höhnenden Ton. »So weit ab, wie etwa das Lokal hier – von der Wirtschaft – dem Heidekrug ...«
»Schweigen Sie!« befahl Frau von Betzwold. »Sonst gehe ich auf der Stelle ... Ich will das nicht – ich bin fertig damit ... Wie können Sie nur,« lenkte sie ein, als sie in sein graues, vergrämtes Gesicht mit den trostlosen Augen sah. »Warum quälen Sie sich und schließlich auch mich so? ...«
»Sie haben recht, es ist ganz überflüssig. Aber ich bitte Sie – bleiben Sie. Sie mögen mich für einen sehr schwachen Menschen halten. Aber bedenken Sie – das lebenslange Schweigen, das Herumirren in der Welt unter Fremden, immer in der Maske des Ehrenmanns, der man vor sich doch nicht ist – und nun plötzlich die einzige, die einen kennt, mit der man sprechen kann über all diese verquälte Zeit, weil sie die gleiche Last durch das Leben geschleppt hat ...«
»Nein, nein, ich sagte schon wiederholt, ich habe das längst abgetan ... Mein Gott – unsere gemeinsame Schuld – gewiß, es war eine, – in meiner Welt von jetzt genau wie in der von damals – ich war sicherlich eine untreue Frau – aber wenn man die mürrische, grausame Strenge meines Mannes bedenkt – – und wir zwei hatten uns lieb – waren so jung und so froh! ... Was haben wir zusammen gelacht und geschwärmt ... Schöne Zeiten waren es trotz alledem!« ...