Ja, jene Zeiten!

Durch den bläulichen Dunst, das leise Stimmengeschwirr, durch die hastende Unruhe im Kommen und Gehen schlichen sie in den Erker und schütteten die Erinnerungen an harmlose Freuden und Leiden, an verschwiegenes Wünschen und erfülltes Sehnen über die beiden Menschen, die traumverloren da saßen ...

Frau Irmgard sah ein paar längst versunkene Lebensbilder zum Greifen deutlich vor sich aufzucken.

Das kleine Haus der Bezirkskommandantur in der stillen Straße hinter dem Ordenstor, ihr damaliges Heim ... Major Splettner, ihr damaliger Gatte, grämlich und verbittert wegen der zu früh abgeschlossenen Karriere ... Seine ewig scheltende Stimme mischt sich mit dem zwitschernden Jubel der Zwillingspuppen, mit denen sie selbst kindlich froh herumtobt, wenn der Hausherr nicht da ist ...

Wie ein Schatten huscht der lange Adjutant über die Straße, der vierte in dem lustigen Bund, und in der Kaprifoliumlaube des verwilderten Hausgartens kräht er zum Ergötzen seines dankbaren Publikums wie ein Hahn, gackert wie ein Huhn, wenn es ein Ei gelegt hat, und läßt mit dem Mund Champagnerpfropfen knallen ...

Aber das Tollen muß aufhören, die Jungen, noch nicht sechsjährig, sollen zu lernen anfangen, bestimmt der Major. Und da bringt eines Tages der Adjutant seinen Freund Doktor Ender ins Haus. Er ist Reserveoffizier bei dem Infanterieregiment, von dem zwei Bataillone im Städtchen liegen; das legitimiert den jungen Gymnasiallehrer bei dem Major, der ihn sonst nicht ernsthaft genug und bedenklich jung findet ... Mutter und Lehrer bemißtrauen sich im Anfang anscheinend, sind eifersüchtig aufeinander und beklagen sich gegenseitig bei dem gemeinsamen Freunde. Aber auf dem ersten Spaziergang mit ihm und den Kindern, an einem Märztag, längs den abfallenden Ufern der raschfließenden Aller – beim Kätzchenpflücken – stehen sie plötzlich voreinander – tief erschrocken, einander stumm anblickend: das bist du ... das hab' ich ja nicht gewußt ...

»Es ist sonderbar, daß man in einem Augenblick ganze Monate in der Erinnerung durchleben kann,« sagte Frau Irmgard von Betzwold aufatmend ...

»Ja, ich habe eben auch vieles deutlich gesehn und empfunden, was über dem grausigen Abschluß längst vergessen war ... Vieles Schöne und Liebe.«

»Und schließlich war es auch nicht einmal eine Schuld,« sagte Frau Irmgard unbewußt. »Es hätte so aussehen können, wenn es je einer geahnt hätte ... Was nahm ich ihm denn? ... Gar nichts! Ich versteckte unser kurzes Glück vor ihm, wie ich vor seiner Gehässigkeit jede kleinste Lebensfreude verbergen mußte ...«

»Freilich war diese Schuld eine geringfügige gegen das andere,« sagte er. »Sonderbar übrigens, daß das, was uns zum erstenmal einander in die Arme jagte, auch ein Mord war ... Denkst du daran? ...«