»Aber die, wegen der er lebenslänglich verurteilt, wurde und dann auch im Zuchthaus starb, hatte er nicht begangen. Und wir wußten es.«
»Wir konnten es nicht genau wissen – es war immerhin möglich ...«
»Beschönige es nicht. Sieh noch einmal das Ganze, wie es war ...«
Frau von Betzwold stützte sich auf und sah mit überquellenden Augen in ihre Schokoladentasse, aber sie schwieg. Sie ließ die Worte des Mannes über sich hinstreichen wie einen Wind, dem man schutzlos preisgegeben ist.
»... Wir hatten uns drei Wochen nicht gesehen. Ihr wart an der See – in Cranz, und wolltet noch den ganzen September dort bleiben. Da warst du auf die Idee gekommen, irgendeine Reparatur in deiner Wohnung vornehmen zu lassen, und kamst für einen Tag herüber. Weißt du es?«
Sie nickte. »Leider ...«
»Am Tage zeigtest du dich im Städtchen. Die Nacht gehörte uns. Du kamst über den Wiesenweg – ganz feucht von den Abendnebeln kamst du ... Am Morgen schlichen wir hinaus. Auf der schiefen Bank im Ellernbusch, oben am Ufer, dicht neben der Gartenpforte hinter dem Tannenkrug, setzten wir uns nieder. Wir drückten uns schweigend aneinander und sahen glückssatt in die fahle, stumme Welt um uns, und ich weiß noch, wie eine große Eule vor dir aufflog, ohne daß man sie hörte ... Und da schlurrte das Schicksal heran ...«
»O Gott,« seufzte Frau Irmgard.
»Da, es war der Gastwirt Passinner. Er kam über seinen Hof geschlichen, und wir sahen ihn erst, als er mit der Last, die er schleppte, dicht neben unserm Busch stand, so dicht, daß wir durch das Blattwerk auch die wilden Augen sehen konnten, mit denen er um sich spähte, bevor er den blutigen Sack das steile Ufer hinab in das Wasser warf ... Er keuchte und stöhnte – es war wohl keine leichte Last gewesen, und der schwarze Zopf ...«
»Ich sterbe, wenn du nicht schweigst,« unterbrach Frau Irmgard mit vergehenden Blicken.