»Das war ja alles ... Weiter gab's ja nichts ... Wir rührten uns ja nicht ... Wir sahen einen Mörder davontaumeln und blieben muckstill ...«
»Ja, natürlich ... vor Entsetzen ... Wie gelähmt waren wir, konnten nicht sprechen und saßen wie versteinert da.«
»Aber du mußtest doch nach Hause. Heimbringen durfte ich dich nicht. Ich blieb im Ellernbusch und sah dich wie einen Schatten durch den Nebel gleiten ...«
»Ach, ich in meiner schauerlichen Angst rannte und rannte. Ich riß zu Hause meine paar Sachen zusammen und lief auf den Bahnhof und saß zwei Stunden im Wartesaal und klammerte mich an unseren Kohlenlieferanten, der auch mit dem Morgenzug fahren wollte, und der sich meiner dann später auch angenommen hat. An dich habe ich gar nicht gedacht ... Es war in mir alles wie ausgelöscht, Liebe und alles. Mit einem Mal und für immer ...«
»Also bei dir auch?« sagte Doktor Ender. »Ich wollte es mir anfangs gar nicht zugeben. Auch war ja die Sehnsucht nach dir oft groß ... Keine Liebessehnsucht – nein –. Aber du hattest ja das Wundermittel der Erlösung in Händen – ein mutiges Wort von dir, und der unglückliche Kellner – den sie schuldig sprachen, als der Mord, trotz der unzugänglichen Stelle am Fluß, bekannt wurde – während der wirkliche Mörder als Hauptbelastungszeuge auftrat – – und er ist ja dann auch bis an sein seliges Ende frei herumgelaufen ...«
»Ach, es war ja alles verlorenes Volk, lieber Freund. Selbst die unglückliche, ermordete Hausiererin mußte ihr Leben wegen einer Diebsbeute lassen ... Wir dagegen hatten alles zu verlieren, Kinder, Stellung ... Sagen Sie selbst: wie hätten wir weiter leben sollen, wenn wir öffentlich bekannt hätten? ... O Gott, nein – so furchtbar das alles war, käme es heute noch einmal – ich würde genau so handeln wie vor zwanzig Jahren – oder, besser gesagt, mich gerade so treiben lassen ...«
»Das ist doch aber das Schrecklichste von allem gewesen – dies sich gegen seinen Willen Treibenlassenmüssen,« sagte Doktor Ender. »Da stehen die Gerechtigkeit und die Wahrheit. Man ist ein anständiger Kerl, kann sich eine Weltordnung ohne die nicht vorstellen – und man schleicht an ihnen vorbei. So ins Nichts, ins Dunkle ... Ich kann Ihnen sagen, Irmgard Splettner, keine Stunde hab' ich meinen Jungen in der Klasse mehr geben können – mittendrin kam's über mich – so einer wie du, der Mitwisser einer scheußlichen Tat – der ganz ruhig zusieht, wie ein armer, unschuldiger Mensch seiner Ehre, seiner Freiheit beraubt wird – mit welchem Recht will der Jugend belehren und erziehen? Ich hatte ja keinen Grund mehr unter den Füßen – ich hab' ihn nie wieder erobern können ...«
»Leiser ... man wird sonst aufmerksam auf uns,« sagte die Geheimrätin ängstlich ... »Ich begreife es ja nicht, daß Sie innerlich nicht ruhiger wurden, als es bei den Verhandlungen herauskam, was für ein Verbrecher dieser Kellner Hake auch ohne diesen Raubmord war – aber sagen Sie mir eins. Wenn Sie mich schonen wollten, und das mußten Sie natürlich – warum meldeten Sie sich nicht allein zur Zeugenschaft? Niemand wußte von mir – kein Mensch hatte mich gesehen ...«
Doktor Ender beugte sich zu ihr hinüber.
»Das ist's ja eben, was Sie nicht wußten, und was ich Ihnen auf keine Weise mitteilen konnte ... Er hat Sie gesehen, und er hat auch mich gesehen, wenn ich auch den Kopf gleich wieder in den Busch zurückzog und er ganz ruhig blieb ...«