Es ist so merkwürdig, wie da plötzlich eine Brücke von dem alten verschollenen Kinderland über die Gegenwart hinweg in die Zukunft führt.
... Als der Kommerzienrat Hillmann pünktlich auf die Minute seiner Anmeldung bei mir eintrat, hatte ich in demselben Augenblick ein ganz deutliches Bild vor mir, dessen ich mir eigentlich nie klar bewußt gewesen bin.
... Ein Balkon, von stark duftenden blauen Blumen überhangen, ein Stückchen grauer Himmel, im Winde raschelnde Wedel einer Dattelpalme, die hoch über das Haus ragt, – ein Liegestuhl mit einem Kranken darin, der schwer atmet und hüstelt. Über ihn gebeugt – dieser Mann, der eben eintrat, meine Hand festhielt und mich anstarrte wie ich ihn.
»Es ist geradezu wunderbar wie Sie ihm gleichen, liebes Kind,« sagte er und nahm auch meine andere Hand.
Mir war's, als tauche hinter dem Forschen seiner herrschenden dunklen Augen etwas wie Güte und Teilnahme auf, aber es rührte mich nicht.
»Ich glaube Sie wiederzuerkennen, Herr Hillmann. Ich muß Sie an der Riviera irgendwo, als kleines Kind gesehen haben,« sagte ich. Wir setzten uns, und ein kleines Schweigen entstand....
»Sehr richtig, in San Remo,« sagte er dann, und das menschlich Herzliche verschwand aus seinem Blick. Er war nun ganz der aufs äußerste soignierte, gut erhaltene ältere Lebemann, ein Typ, den ich – ach wie genau! – kenne, und mit dem ich immer gut fertig werde.
Diese Art Männer, die ihr Leben auf das Weib gestellt haben, scheinen mir in der gewissen Abendbeleuchtung, die über ihrem Wesen liegt, anziehend und rührend; sie sind dankbar für jedes Lächeln, und nehmen jede Augenblicksstimmung als das, was sie ist, ohne Versprechen für die Zukunft.... Und sie haben so viel von den schauerlich-schönen Lebensgeheimnissen ergründet, die uns Junge so mit Qual und Erwartung füllen – und sie lieben die Jugend mit einer so schmerzlichen Liebe und wissen ohne Worte darüber zu reden.
Ja, auch mein Gast und ich verständigten uns in diesem Sinne – und ich will es gar nicht leugnen, daß mir bei seinen Blicken voll sanfter und diskreter Bewunderung sehr wohl war.
Und dann gab er in liebenswürdiger und wohltuender Weise der Freude Ausdruck, mich in so blühender Frische vor sich zu sehen. Welche Überraschung das wohl für die Meinen sein würde, deren noch ganz warme Grüße er mir übrigens zu bringen hätte – und die schon jetzt ganz fassungslos wären vor Glück – meine Mutter natürlich am meisten....