»Ist das deine Endweisheit, Sonntagskind? Als deine Haare noch dunkel waren, verlangtest du andres.«

»Sonntagskind?« sagte sie. »Das hab' ich vergessen in meinem langen Leben. Es hat auch keiner mehr danach gefragt, seit damals – seit wir unter der großen Birke – dein Vater hatte sie an deinem Geburtstag gepflanzt, erzähltest du« – er nickte und sah sie an wie damals, schien es ihr – »als wir unter jener Birke saßen an einem schönen Sonntagvormittag, an dem ich die Kirche geschwänzt hatte. Meine Pate und ihre Tochter waren fromm hingegangen. Da kamst du den langen Gang hinter eurer Schlosserwerkstatt her und wolltest mir Gedichte vorlesen. Aber die Sonne brannte, und darum gingen wir in eure Kaprifoliumlaube, in die du mir jeden Morgen ein paar schöne Verse legtest. Schade, daß ich sie nie zu nehmen wagte.«

»Ja ... ich, ich, ich, den das Weib schon damals in den Fängen hielt, ich dichtete ein unreifes Mädel an ...«

»An diesem Sonntag aber sagtest du eins aus dem Kopf, das ich schon kannte: ›Es war ein Kind in Avelun.‹ Und da erzählte ich dir, daß ich auch ein Sonntagskind wäre, und du sagtest, das hättest du längst gewußt.«

»Und jetzt müßte ich armer heraufbeschworener Schatten wohl den hübschen Schlußvers sagen: ›Wer Liebe singt, der singet Leid – o Sonntagskind – o Sommerzeit! ...‹ Übrigens sprachen wir damals von Liebe noch wenig ... wir sprachen von Wagner und Raabes Abu Telfan, von Genie und Charakter, von Ruhm und Zukunft ...«

»Ja, ja, und von einem Roman, den du schreiben wolltest, haben wir viel geredet ... Wahrhaftig, ich besinne mich ... Vitium cordis sollte er heißen ... Ach, wie war ich stolz auf ihn! ... Wenn ich's mir recht überlege, war er naturalistisch vorempfunden ...«

»Erlaube, das ist eine Bemerkung, die in das Reich der Lebendigen gehört. Vergiß nicht, daß ich da nicht mehr zu Hause bin.«

»Denk doch nicht an die Lebendigen,« sagte sie eifrig; »ich bin ja so froh, da nun all diese Bilder und Gedanken kommen, die ganz verschüttet in mir waren. Sprich weiter, sprich! ...«

»Ich spreche ja eigentlich nicht ... du bist es ...«

»Ja, und weißt du, ich vergesse ganz, daß ich eine alte Frau bin und ein krankes Herz habe. In diesem schönen Traume schlägt es so stark wie in der Jugend.«