Enrique Bisterro und Heinrich Biester
... Das alte Tor warf einen wunderlichen, langgestreckten Schatten auf den großen Marktplatz, sonst lag gelbe, glühende Sonne auf der ganzen Fläche, in deren weitem Rechteck sich nichts regte.
Und ringsum standen die alten, kleinen Häuser, gerade wie sie vor zwanzig Jahren dagestanden hatten – eins oder das andere wohl mit grellem, neuem Anstrich versehen – die meisten grau, dürftig und hier und da mit schwarzen Firmenschildern gezeichnet, die auch schon alle vor langen Zeiten da ebenso gehangen hatten.
Nicht einmal die Namen waren andere geworden. Und das war auch schon immer so gewesen. Die Ignee, die Pflug, die Voß, und wie sie sich auf den Schildern nannten, schliefen schon damals lange. Die Leute, die in den kleinen Läden mit dem gleichen Kram weiter handelten, hießen vielleicht Wiesenberg und Gädicke und Cohn – aber der alte Geist, der Geist der Ignee, der Pflug, der Voß, regierte weiter, und unter seinem Zeichen schien das ganze kleine Nest wohl auch heute noch zu leben, in dem gleichen Tempo, mit den gleichen Bedürfnissen und den gleichen Ansprüchen.
War das wirklich möglich? ...
An einer der Eingangstraßen zum Markt stand ein Mann, der eben den langen, sonnigen Weg von der Station zur Stadt geschlichen war und mit einem bänglichen, erwartungsvollen Gefühl, wie es seinen Jahren gar nicht mehr zukam, auf diesem stillen Platze Umschau hielt.
Die Sonne tat ihm nichts. Die hatte ihm in Südamerika auf dem schattenlosen Plateau von Caracas in langen Jahren den Körper ausgetrocknet. Hier streichelte sie den Fröstelnden nur mit ganz leisem Finger und störte seine Gedanken nicht.
Gedanken waren es übrigens kaum. Nur unbestimmte Empfindungen. Und auch die kamen nicht von innen heraus – nein, sie strömten aus den kleinen Häusern ringsherum auf den schmalbrüstigen, hüstelnden Mann zu und zerrten tüchtig an ihm herum. Er widerstrebte nicht, aber er wunderte sich, denn diese wehmütigen, beunruhigenden Dinge, die um ihn raunten und durcheinander flatterten, waren gar nicht mit dem verknüpft, was hier vor langer Zeit seine junge und heiße Jugend ausgemacht hatte.
Die Gestalten, die unklar und schattenhaft um ihn her auftauchten und zu ihm flüsterten, waren keine, die in seinem Empfinden eine Rolle gespielt hatten. Sie sahen nur wie zufällig aus den Fenstern ringsum – der alte Bluhm mit dem würdevollen Gesicht und dem schneeweißen Schifferbart – der alte Puppel, der sich bis an sein Lebensende nicht hatte beruhigen können, daß er Töpfer Walters Tochter nicht hatte heiraten dürfen – eben huschte auch sie, ein verschrumpeltes altes Jüngferchen, mit mächtigem, buntem Strickbeutel schemenhaft um die Ecke – die Faktorsfrau Blez, die täglich in die Apotheke geschlichen war, um »Hoffmannstropfen« zu holen – und so viele andere noch, die das tägliche Leben des damals jungen Provisors gestreift hatten, ohne daß er ihnen näher gekommen wäre.
Der Fremde strich mit der Hand über die feuchte Stirn und sah sich noch einmal um.