Manchmal in seinen Träumen sprach er mit ihm und rühmte sich seines Reichtums und seiner Angesehenheit und sagte:

»Sehen Sie wohl, als ich Lehrling bei Ihnen war und dann Provisor, da hielten Sie immer nichts von mir. Ihre Käthe gaben Sie mir nicht und sagten: ›Heinrich Biester, Sie sind ein Faselkopf und werden auf keinen grünen Zweig kommen. Bleiben Sie im Lande, und nähren Sie sich redlich. Solch ein ausgemachter Phantast wie Sie gehört zu Muttern, die ihn an der Strippe hält, und nicht in die weite Welt ...‹

Das sagten Sie, lieber Herr Prang; und ich bin doch gegangen und an einen der herrlichsten Orte der Welt gekommen. Da stand schon alles für mich bereit: die Apotheke, die auf einen Herrn wartete, und die wunderschöne Tochter darin. Und alles, alles hab' ich gewonnen und noch viel Hab und Gut dazu. Sehen Sie da: Weib und Kind und Freunde und gute Nachbarn und – welch ein Leben!«

Er schilderte es mit prunkenden Worten, und dann – immer im Traum – pflegte Herr Prang ihm begeistert die Hand zu drücken und ihn und sein selbstgeschaffenes Los über alles Sagen und Denken zu preisen ... Und alles auf spanisch ...

Aber am Tage, wenn die Sonne näher und näher kam wie ein glühendes Gespenst, das den Atem aufsaugen will – er konnte nicht schlafen wie Doña Eustachia in ihrem Schaukelstuhl und die schwarzhaarigen Kinder, die zusammengerollt auf den Matten der Veranda herumlagen – dann fiel alles Spanische und alles Rühmenwollen von ihm ab, und eine ganz klägliche, tränenselige Sehnsucht nach dem kleinen Nest im fernsten Osten Deutschlands, nach der schattenkühlen Apotheke darin mit der großen mahagonigetäfelten Vorhalle und den herumlaufenden ausgesessenen Bänken kam angeschlichen und hielt sein Herz so fest umkrampft, daß es gar nicht mehr schlagen wollte ...

Wenn es Abend wurde, dann war's wieder besser. Dann fielen Heimweh und Melancholie wie lästige Schleier von der Seele, und der frische Bursch wachte auf, der dem alten Lande kurz entschlossen den Rücken gedreht hatte, als das Glück ihm dort nicht willfährig gewesen war.

Hier genoß er es nun. Er saß mit den Seinen und den neuen Freunden an dem fremden Strom ... er sah die violetten Schatten den Monte Avila hinaufklimmen und das Kreuz an dem schwarzblauen Himmel funkeln. Die Fächer klapperten – langgezogene, dunkeltönige Melodien klangen um ihn her, starke Düfte berauschten, und schöne, braune Menschen mit seltsam gehaltenen Bewegungen redeten in vertraut gewordener Sprache über Tages Freud und Leid.

Dann flogen nur flüchtige Gedanken in das kleine Städtchen hinüber, das plötzlich nüchtern und kahl schien – ein Wunsch: könntet ihr doch einmal hier sein und mich sehen, ihr alle, die ihr in Enge und Philisterei dort eingerammt geblieben seid ... und im Traum sprach er dann wieder mit dem Prinzipal und rühmte sein Glück und sein Leben in der neuen, schönen Heimat.

Tageswerk und Gewohnheit arbeiteten natürlich nicht umsonst daran, das allzu Unausgeglichene in diesen beiden Stimmungen zu mildern – ganz gelang es aber nie.

Die Leute um ihn sagten zuweilen, wenn sie ihn so vor ihren Augen zusammenfallen und sich wieder aufrichten sahen: »Der arme Don Enrique leidet an den Giften in seiner Apotheke.«