Der große, niedrige Saal mit seinen vier bogigen Glastüren nach dem verwachsenen Garten und seinem Eckfenster nach dem Wirtschaftshof hin, wirkte wie ein eigens für sie geschaffenes Umbild.

Er hatte eine altmodisch grüne Wandbekleidung, von der sich ein paar Familienporträts aus alten Zeiten lebensvoll abhoben. Keine eigentliche Ahnengallerie, dazu waren es zu wenige. Die Terkuhns, Jahrhunderte lang auf derselben Scholle ansässig, hatten nur ein paar Vertreter ihres Namens in die Welt entsandt, wo sie sich Geltung und Lorbeeren holen konnten. Es waren immer wenig Kinder in der Familie gewesen, und wer bleiben konnte, blieb in dem alten Waldwinkel, in dem er hochgewachsen war. Bis in die alten Preußenzeiten wollten die Terkuhns ihren Ursprung hinunterleiten, und wunderlich mischten sich in den Familiensagen Heidentums-, Ordensritter- und Polengeschichten durcheinander. Da es aber selten einen Schriftgelehrten im Hause gegeben hatte, beruhte fast alles, was man von den alten Zeiten erzählte, auf mündlicher Überlieferung. Nur ein paar auf dickem Pergament gemalte Urkunden mit Wachssiegeln daran gab es – die lagen als Gerippe der von einer rohen und blutdürstigen Romantik durchwehten Begebnisse der Familiengeschichte in der plumpen, uralten Eisenkiste, die unter dem Bildnis des weiland kurbrandenburgischen Fahnenjunkers ihren Platz hatte.

Dieses und ein paar andere aus den verschiedenen Jahrhunderten übrig gebliebene Terkuhnbilder sahen alle unter demselben Rothaar hervor, aus denselben hellen Raubvogelaugen um sich, und die Allen gleiche kinnvorstreckende Haltung des kleinen Kopfes war sicher nicht von dem jeweiligen Maler erfunden worden.

Auch Adalise von Terkuhn, die letzte des alten Stammes, gehörte so ganz und gar zu ihnen, als ob sie aus einem der alten, ungefügen Rahmen heruntergestiegen wäre. Und sie empfand das so stark, daß dieses Gefühl zwischen ihr und Allem was um sie lebte eine Schranke zog.

Es war ein Lieblingsträumen von ihr, sich die Jahrhunderte hinabzuschleichen bis zu dem alten Preußenführer hin, der, die Steinkeule um die rote Mähne schwingend, hinter der heiligen Eiche hervorsprang um den Fremden gnadenlos zu erschlagen, der das Heiligtum betrat.

An dieser selben Eiche zu stehen und all das Dunkle, gar nicht in Worte zu Fassende in sich aufwachen und beben zu fühlen, war ein Gottesdienst für sie.

Daß sie sich aus solchen Träumen ihren seelischen Bedarf an Steigerung holte, machte sie sich in richtig zusammengefaßten Gedanken nicht klar, aber wenn die Alltagslasten, die sie sich mit brutaler Energie aufgeladen hatte, sie zu ermüden anfingen, dann vertiefte sie sich in diese Zwiesprache mit »ihresgleichen«, den Gleichen, die sie um sich her nicht finden wollte. Was sie in ihren Tag daraus heimtrug, hieß Kampf.

Und sie kämpfte mit dem vernachlässigten Boden, mit der Trägheit und Dummheit ihrer Leute, mit den Getreide- und Viehhändlern, die in früheren Zeiten jahraus, jahrein aus der lässigen Arbeit ihres Vaters den Vorteil gezogen hatten – und endlich gegen die Freier, die das schöne Terkitten mitsamt ihrer streitbaren Person als ehehörig an sich reißen wollten ...

Aber es war kein frischer und fröhlicher Kampf. Ein verbissener Groll wohnte auf seinem Grunde, und die Waffen, mit denen sie ihn führte, waren durch Hohn und Bitterkeit vergiftet. Sie empfand ihren körperlichen Schaden, obgleich sie ihn mit eiserner Willenskraft ihrer Beweglichkeit untertan gemacht hatte, als eine Schmach für die Terkuhns, und aus dem Haß gegen ihren Vater, der sie zu einer Gezeichneten herabgewürdigt und zugleich die Schönheit des ganzen Geschlechts geschändet hatte, wuchs mit der Zeit noch allerlei Hartes und Zersetzendes heraus, das sie mit einer gewissen Freude pflegte.

So war sie trotz ihres Reichtums und ihrer Schönheit keine begehrenswerte Freundin oder Frau. Das wußte sie sehr wohl! Aber sie wollte es auch nicht sein. Und daß man sich ihr trotzdem immer wieder näherte, erfüllte sie mit einer grenzenlosen Nichtachtung und einem unbesiegbaren Mißtrauen gegen alles und alles, vornehmlich aber gegen den Mann.