»Hat er Ihnen das in aller Eile beim Empfang erzählt? Ich hoffe, Sie haben die Verwandtschaft bei den anderen Herren nicht betont. Sie müssen sich selbst sagen, daß das in Ihrer Stellung sehr wenig passend gewesen wäre ...«

»Es ist auch nicht geschehen, gnädiges Fräulein. Die Herren sind gleich auf ihre Zimmer gegangen, – ich habe meinem Vetter nur gesagt, daß ich Erlaubnis hätte, nach Tisch eine Stunde mit ihm zusammen zu sein ...«

»Wenn nichts Besonderes dazwischen kommt,« sagte Fräulein von Terkuhn. »Sagen Sie also dem Ferdinand Bescheid, daß er die Herren hier hereinführt, und lassen Sie dann sofort anrichten ...«


Und nun traten die Herren ein und standen alle drei in leiser Befangenheit der königlich schönen Hausherrin gegenüber, die doch selbst immer ihren ganzen Hochmut zu Hilfe nehmen mußte, um ihre Weltungewandheit zu verbergen. Wenn sie mit niedergeschlagenen Augen da stand, wie eben jetzt, war sie neben all ihrer stolzen und regelmäßigen Schönheit auch noch lieblich. Nur wenn sie sie aufhob, diese graugelben Terkuhnaugen hinter den starken roten Wimpern, dann huschte ein böser Zug über ihr Gesicht, der seinen Reiz verminderte und ihm Schärfe und Charakter gab.

Der Doktor beobachtete das kritisierend, der Hauptmann und der Leutnant aber waren wie geblendet, der eine von gesteigertem Lebensgefühl, der andere von einer fast ängstlichen Scheu ganz erfüllt.

Fräulein von Terkuhn entschuldigte mit ein paar Worten ihren Vater, der die Herren bei Tisch begrüßen würde, gewann es auch über sich, für die geplante Entschuldigung die passenden Worte zu suchen. Nur wandte sie sich damit nicht an den Doktor, sondern an den Hauptmann, und sah, während sie sprach, mit großen Blicken nach dem armen Wachowski, dem dabei heiß und kalt wurde.

Und dann meldete der Diener, daß serviert wäre, und Fräulein von Terkuhn ging an dem Arm des Hauptmanns in den nebenan gelegenen düsteren Eßsaal.

An einer Schmalseite der Tafel saß im Rollstuhl der alte Herr, der die Tischgäste mit lauter, heiserer Stimme willkommen hieß und einige bittere, humoristisch sein sollende Bemerkungen über seine Hilflosigkeit machte. Neben ihm stand vor der Suppenterrine Fräulein Lena. Ihr anmutiger Gruß nahm den Fremden das Gefühl der Unbehaglichkeit und gab vor allem dem Leutnant seine verschwundene Fassung wieder.

Es wurde aber doch ein merkwürdiges Mittagessen. Äußerlich sah alles üblich und anmutend aus. Der blumen- und weinlaub-geschmückte Tisch in der Mitte des langen, mit schwerem Urväterhausrat ausgestatteten Zimmers trug plumpe Silberschaustücke und uralte dickfüßige Gläser mit eingeschnittenen Wappen. Ihre Anzahl ließ übrigens auf eine sehr ausgiebige Mahlzeit schließen – eine sonst im Manöver mit angenehmen Empfindungen begrüßte Aussicht. Aber heute nahm außer dem alten Herrn, der mit gierigen Blicken die üppige Anordnung streifte, kaum jemand Notiz davon. Schon daß Fräulein von Terkuhn den Leutnant, der sich seiner Cousine genähert hatte, zu sich herüberwinkte, gab Veranlassung zu einer gewissen nachdenklichen Stimmung – bei ihm mit Enttäuschung und dem bangen Gefühl gemischt, das ihn neben der rothaarigen Gutsherrin wieder ganz gefangen nahm.