Nur mit Anstrengung des Hauptmanns kam das Tischgespräch anscheinend in heiteren Fluß. Allerlei Worte flogen hin und her, über Krieg und Frieden, über ehemalige Kameraden des Hausherrn, Pferdemärkte und Geselligkeit in Königsberg, über Manöver und Dienst, über Jagd und Ernte.
Aber hinter all diesen gesprochenen Worten vereinten sich die gedachten zu einem Strom, der Herz und Sinne mit Spannung und Unruhe überflutete und in jedem einzelnen Empfindungen wach rief, die mit dem, was man sagte, in geringem Zusammenhang standen.
In dem alten Terkuhn kämpfte der Groll, von den Lebensfreuden vorzeitig ausgeschlossen zu sein, mit dem Verlangen danach – der Hauptmann, benommen von seiner Nachbarin, zitterte innerlich, wenn ihr Kleid ihn streifte –, der Doktor beobachtete nach seiner Art und machte sich Bilder von dem persönlichen dieser schwatzenden Menschen zurecht; zwischen Wachowski und Fräulein Lena flogen sehnsüchtige Blicke hin und her, und das Merkwürdigste erlebte Adalisa von Terkuhn an sich, obgleich gerade sie scharfe und treffende Bemerkungen in die allgemeine Unterhaltung warf und auch hier und da ihren begeisterten Verehrer, den Hauptmann, mit einem vollen Augenaufschlag beglückte und erschreckte.
Sie hatte zuerst angefangen, sich mit dem stillen, fast abweisenden Gesicht des Doktors zu beschäftigen, der, wie sie mit Unbehagen merkte, nur gerade aus Höflichkeit Notiz von ihr nahm, aber dann hatte sie einen Blick Lena Aussigs nach Wachowski hin aufgefangen. Ganz flüchtig, aber so voller Innigkeit und Bangen, daß Adalisa von Terkuhn erschrocken und empört darüber war.
Es fiel ihr zum erstenmal ein, ihre Gesellschafterin, die ihr bisher nur wie eine gutgehende, leistungsfähige Maschine erschienen war, als Persönlichkeit zu betrachten. Und da fand sie, daß da ihr gegenüber ein sehr anmutiges, junges Mädchen saß, das in dem anspruchslosen Sommerkleide, mit den glatten, tiefschwarzen Scheiteln, den blühenden Farben und den dunkeln, vielsagenden Augen Reize entwickelte, die ihr selbst ganz und gar fehlten. Jetzt erinnerte sie sich, daß jedermann von dem »Fräulein« eingenommen zu sein schien, nicht nur ihr Vater, dessen ausgesprochene Vorliebe sie wohl der senilen Neigung für alles Jungweibliche überhaupt zugeschrieben hatte.
Auch die Herren heute, wie verhielten sie sich diesem dienenden Geschöpf, diesem Nichts gegenüber? Den Hauptmann hielt sie selbst in ihrem Bann, das fühlte sie, aber dieser Doktor, der ihr mit gleichgültigem Respekt begegnete, hatte einen zutraulichen Ton in der Stimme, wenn er mit seiner Nachbarin sprach. Und der Leutnant, der sogenannte Vetter? Sie beobachtete ihn von der Seite, und nun nahm sie auch in seinen Augen jenes zärtliche Blicken wahr, das auf Einverständnis und Zusammengehörigkeit schließen ließ.
In heißem Groll zog sich ihr Herz zusammen. Warum hatte sie noch nie in ihrem Leben ein solches Spiel zartsinniger Hingabe über sich erstehen gefühlt? Sie sah, wie ihre Dienerin sich ordentlich verschönte dabei, wie ein träumerischer Glanz die braunen Augen vertiefte und das junge Gesicht von innen heraus zu leuchten begann.
Freilich, der sogenannte Vetter rechtfertigte wohl diese auffällige und beinahe anstößige Verliebtheit.
Welch ein schöner Bursch' war das mit der schlanken, sehnigen Gestalt, dem offenen, braunen Gesicht, in dem die graublauen Augen wie zwei Lichter brannten, in dem der volllippige, rote Mund unter dem braunen Bärtchen lockte.
Wenigstens leicht entzündbare Personen, wie diese Lena, die augenscheinlich ganz vergaß, daß sie an dem herrschaftlichen Tisch ihre Privatangelegenheiten denn doch in anständiger Verborgenheit zu halten hatte.