Sie suchte nicht mehr, sie hatte schon gefunden. In dem Moment der Frage ihres Vaters war der Gedanke wie ein Blitz in ihr aufgesprungen. Nun nahm er, getränkt von Herrschfreude, Begehren und einer Spur vorschauender Überlegung ganz und gar von ihr Besitz: diesen Mann wollte sie zu einem Herrn von Terkuhn, ihrem Gatten und Sklaven machen.

Von diesem Augenblick an gab sie sich keine Mühe mehr, die Wirtin auch nur zu markieren. Sie wendete sich von dem Hauptmann ab und ganz dem jungen Wachowski zu, während ihr Vater die Unterhaltung mit den anderen nach seinem Belieben, immer lauter im Ton und kräftiger im Stoffe, führen durfte. Die arme kleine Lena hätte wohl rot werden können bei all den derben agrarischen Späßen des losgelassenen alten Junkers, aber sie hörte nicht hin. Sie antwortete auch nur mechanisch auf die Fragen des Doktors, der ohne viel Erfolg den Hausherrn zu unterbrechen versuchte – sie mußte voll Staunen und Bangen immer wieder nach dem Paar ihr gegenüber sehen.

Was bedeutete das nur? Was wollte das Fräulein von Terkuhn, die Hochmütige, die Männerfeindin, gerade von ihrem Vetter? Und was wußte sie von ihm? Jedenfalls würde nur Schlimmes für den armen Hans dabei herauskommen, denn Fräulein Adalisa war gefährlicher in ihrer festlichen Freundlichkeit, als in der grollenden Alltagsstimmung, das hatte sie an sich erfahren. Wenn nur erst der Kaffee serviert würde, dann konnte sie ihm ein Wort der Warnung zuflüstern und dann kam ja auch die heißersehnte Freistunde, die sie mit ihm zusammenführen sollte. Wie hatte auch er sich vorher darauf gefreut!

Plötzlich war es ihr, als ob zwischen den liebevollen Blicken, die sie noch vor kaum einer halben Stunde gewechselt hatten und seinem jetzigen An-ihr-vorübersehen Ewigkeiten lägen. Was war das nur? Was ging in ihm vor? ...

Ja, was ging in ihm vor?

Als sich die wunderschöne Frau – »Mädchen« wagte er sie kaum vor sich zu nennen – mit einem Ruck ihm zugewendet hatte, als dann ihre scharfen Augen sich mit großen Blicken in die seinen tauchten, um ihn nicht mehr loszulassen, da war mit einem elektrischen Schlage zugleich eine heiße Angst in ihm hochgestiegen.

Dann fing sie an zu fragen, so geradezu, wie sonst fremde Damen in Gesellschaft nicht zu fragen pflegen, nach Familien- und Vermögensverhältnissen, nach Alter, Gesundheit und Neigungen. Darüber war er halb erstaunt und halb empört, aber er antwortete doch wie unter einem Zwange. Einmal überflog ihn die Idee, daß sie ihn Lenas wegen so ausfrage, aber dann kam eine eigentümliche Bemerkung von ihr, die ihn von diesem Wege wieder abbrachte.

Sie erkundigte sich, ob es eine Geschichte seiner Familie gäbe, und ob sein Adel Sobieski-Adel wäre.

Das war nun seine schwache Seite, da man seinen polnischen Namen oft nicht für vollgültig ansah.

Nein, sie waren zwar verarmt, aber ein altes Starostengeschlecht. In der Polengeschichte wimmelte es von stolzen und tapferen Wachowskis. Bei Rednitzko lagen die Trümmer ihrer alten Raubburg. Da hatte z. B. vor drei Jahrhunderten ein Bogis Wachowski gehaust, dessen Schandtaten, wie er leider bekennen mußte, heute noch in den Liedern des Volkes lebten.