»Ich möchte sagen: der Teufel mit der armen Seele« erwiderte der Doktor achselzuckend und sah sich nach Fräulein Lena um.

Die unterdrückte mit der Selbstzucht, die ihre Stellung sie gelehrt hatte, die Tränen, die aus bangem Herzen aufquellen wollten. Sie bot den Gästen den Kaffee an, überredete Herrn von Terkuhn sein Zimmer aufzusuchen, und verabschiedete sich dann, dem Wunsch ihrer Herrin entgegen, von den Beiden, die voll mitleidiger Rücksichtnahme keinen Widerspruch wagten. – – Das Fräulein von Terkuhn und ihr Begleiter gingen inzwischen durch den alten Lindengang, und ihre Füße wühlten in gelben, raschelnden Blättern.

Es war ein goldner Septembertag, die Laubbäume standen in ihren herbstlichen Prunkkleidern bunt und leuchtend umher, und die mächtigen Weymouthskiefern zeichneten ihr tiefdunkles Grün doppelt düster dagegen. Der Himmel spannte sich so hoch und klarblau wie im Süden, aber die Sonne mit all ihrem Goldgefunkel wärmte nicht mehr. Große Blumenbüsche sahen hinter Hecken und Sträuchern hervor – gelbe Sonnenblumen, rote Malven, alles leuchtend, aber ohne den süßen Sommerduft. Dafür atmete der Herbst kräftig und herb durch Baum und Strauch über die glattgemähten Wiesen und von den jungen Schonungen her, die sich jenseits des alten Staketenzauns aufreckten. Es war so still, daß das liebliche Zirpen des Zaunkönigs schon wie ein helles Stimmchen aus dieser Stille aufsprang – und das Schweigen der beiden Menschen darin war eine Selbstverständlichkeit.

Übrigens gingen beide so tief in Gedanken, daß es ihnen gar nicht auffiel.

Adalisa von Terkuhn fühlte eine trunkene Freude. Eine Art von Jägerinstinkt sagte ihr, daß sie eine gute Wahl träfe, wenn sie diesen Mann an sich zog. Es war nicht Zärtlichkeit, die sie empfand, wenn sie seine sanften, dunkelbewimperten Augen an sich hängen sah, auch nicht eine der Aufwallungen, die sie als »Niedrigkeiten« in sich hier und da zu bekämpfen hatte, – es war mehr eine aufquellende Dankbarkeit, weil sie sich ihrem Ziel endlich nahe fühlte. Und dann tauchte auch noch etwas anderes dahinter auf, etwas Schlimmes, was doch zu den seltenen Freuden gehörte, die das Leben ihrem Wesen bot – das Bewußtsein, einem anderen Menschen wehe zu tun, darben zu machen, während sie genoß. Ohne daß sie das alles in Worte faßte, kochte es in ihrem Hirn durcheinander – praktische Fragen quirlten mit auf – Bedenken, ob dieser junge Mann Kenntnisse und Überblick genug für eine so große Herrschaft besitzen werde, – denn der Oberinspektor mußte natürlich fort – der rote Kopf des Fahnenjunkers tauchte dazwischen auf – auch eine flüchtige Vorstellung von rothaarigen Buben, die auf wilden, kleinen Pferden über die Felder jagten. In all dieses phantasierende Denken und Bedenken hinein rief eine Stimme immer ganz laut: »Greif zu, greif zu.« ...

Durch die Obstkulturen waren sie nun schon gegangen und kamen an den weißgestrichenen, stachelbewehrten Zaun, der den Obstgarten von einem Wiesengelände schied. Da blieb sie stehen und legte den Arm um einen glatten Stamm. Ihre Augen suchten mit forderndem Blicke die seinen. Er strich mit der feinen, braunen Hand darüber, als ob er den Schlaf daraus wegwischten wollte und betrachtete aufmerksam den Baum.

»Es ist eine Grumbkow mit einer Muntos okuliert,« sagte er verwirrt ... »merkwürdig, daß das Experiment gelungen ist.« ...

Sie sah ihn unverwandt und lächelnd an.

»Wir wollen über die Wiese in den Eichenkamp,« sagte sie dann mit emporgehobener weisender Hand. Und dort gingen sie auf schmalem Pfad dicht nebeneinander zu den Eichen, unter denen auf einer kleinen Bodenerhöhung jene sagengeweihte mit ihrem mächtigen, knorrigen Stamm und dem harten, kleinblätterigen Geäste stand.

»Sie wissen doch von dem heiligen Hain Romove und seiner Eiche?« fragte sie.