Eine dunkle Erinnerung aus einem anderen Leben rührt hier und da an mein Herz.

In einem schönen Lande am blauen Meer, an dem Palmen stehen – die Riviera – San Remo, wo mein armer Vater an der Schwindsucht gestorben ist und auch begraben – war ich ein geliebtes und vergöttertes Kind. Unzertrennlich von meiner traurigen Mutter, die vor Sehnsucht und Gram um den Heimgegangenen fast verging. Mein kleines Bett stand neben dem ihren, ich kletterte zu ihr, wenn ich sie weinen hörte, kuschelte mich an sie, und dann schliefen wir zusammen ein. Sie war sehr schön und gut, meine Mama – und liebte mich sehr. Vielleicht ist das Übermaß an Liebe, das sie damals auf mich geschüttet hat, das gewesen, was sich sonst auf ein ganzes Leben verteilt.

Als ich sieben Jahre alt war, lernten wir den Ministerialdirektor kennen, der aber damals noch Regierungsrat war. Ich begreife es ganz gut, daß der energische, herrische Mann mit seiner schnurgeraden, unanfechtbaren Korrektheit und meine weiche, hochgestimmte und haltbedürftige Mutter sich so gut zusammengefunden haben. Auch mein kleines Herz jubelte ihm damals entgegen, denn Mama wurde zusehends heiter und glücklich im Verkehr mit ihm, und ich selbst war sein großer Verzug ... Blieb es auch eine kurze Zeit – in der neuen Häuslichkeit in Berlin sogar noch, – bis der Alltag und eine große Geselligkeit mich allmählich von ihm und auch von der Mutter abzudrängen begannen ... Zu meinem maßlosen Erstaunen....

Edina erschien auf der Bildfläche. Mit ihrem Schweizer Französisch, ihrer peinigenden Ordnungsliebe und der barbarischen Strenge, wenn ich allein mit ihr war, doch – um gerecht zu sein – auch mit einem im Grunde liebevollen Herzen und dem heißen Wunsch, die ratlose kleine Entthronte zu entschädigen. Mama wurde sogar ein ganz klein wenig eifersüchtig und wollte sie fortschicken.

Die gute Mama! Heute ist Edina ihr im Hause alles, und daß sie sie mir herschicken will, ein Opfer, das die ganze Wirtschaft aus dem Gleichgewicht brächte, wenn ich es annähme. Aber das tue ich nicht. Ich brauche Edina nicht mehr, wenn ich mich auch damals an die zankende kleine Französin klammerte. Damals, als sich das Herz meiner Mutter langsam von mir abwendete, weil die Vergangenheit versank – versinken sollte, und ich mit dem Gesicht eines, der auch nicht mehr da sein durfte, als Mahner daran dastand.

Das ist ja wohl ganz einfach und nur menschlich, aber die junge, heiße Kinderseele konnte sich in diesem wirren Rätsel nicht zurechtfinden und wußte nicht wohin mit aller unerwünschten Liebesfähigkeit. Dann kamen die kleinen Geschwister, und die habe ich mit einer Seligkeit in mein banges Herz geschlossen, die ich zuweilen heute noch nachempfinden kann. Und eine kurze Zeit frohen Kinderglücks ist mir ja dann auch noch beschieden gewesen unter den süßen, strampelnden Geschöpfchen, die die Arme nach Liddy ausstreckten und sich heiser nach ihr schrien.

Und – da ich einmal diese alten Erinnerungen zurückrufe – mein Stiefvater fing in dieser Zeit an, sich mehr als je mit mir zu beschäftigen. Wohl seiner im Grunde gerechten Natur folgend – um dann mit gutem Gewissen seine eigenen zwei mit der ganzen echten Liebe zu überschütten – die er für mich natürlich nicht empfinden konnte. Und noch einmal ist mein Herz für ihn aufgeglüht mit unbeschreiblicher Anbetung. Ich habe wahrhaftig den bon Dieu, zu dem ich abends meine prières sagen mußte, abgeschafft und den heißgeliebten Papa an seine Stelle gesetzt.

Gott, Gott, was kann solch ein kleiner Mensch lieben und leiden, und wie gut ist es, daß ich das alles in so jungen Jahren habe abstreifen müssen! Wie hätte ich wohl mein hartes Schicksal, wie dieses schwerste des letzten Jahres, tragen können, wenn Liebes- und Leidensfähigkeit mit dem Alter noch gewachsen wären! ...

Als die erste Lungenentzündung kam, ist wohl das bißchen bleiche Sonne aus meinem Kinderleben ganz verschwunden. Natürlich bin ich sorgsam gepflegt worden, aber als ich genesen war, fiel mir das blasse Entsetzen, von dem meine arme Mutter bei meinem leisesten Hüsteln oder dem leichtesten Unwohlsein geschüttelt wurde, doch als etwas Ungewöhnliches auf.

Bei dem nächsten Katarrh, wie ihn Annie und Mia auch eben durchgemacht hatten, wurde mein Bett aus dem Kinderzimmer geschafft und meine Arbeitsstunden so gelegt, daß sie in die Zeit fielen, in der die Kleinen wach waren und sonst mit mir gespielt hatten. Ich durfte sie auch nicht mehr herzen und küssen wie früher, und es schien mir, daß man mir aus dem Wege ging, wo ich mich zeigte.