Natürlich war das eine übertriebene Ängstlichkeit und wohl auch noch Sorge um mich dabei, aber das konnte ich nicht begreifen, und eine furchtbare Verdüsterung kroch in mich hinein. Sie wuchs zu einer grenzenlosen Verzweiflung an, die mich heute noch in der Erinnerung erbeben läßt, als eines Tages mein Stiefvater mich unsanft beiseite stieß, wie ich, das Verbot vergessend, die kleine Mia in die Arme nahm und sie lachend und tollend abküßte.
Ach, dieser Blick, dieser eisige, böse Blick, der sich in mein Herz bohrte, den ich nie, nie vergessen werde, wenn mein Stiefvater und ich auch auf dem angenehmsten Verkehrsfuße stehen!
Ich glaube, jenes kleine Ereignis ist die Veranlassung gewesen, daß man mich fortbrachte.
In ein Pensionat für lungenleidende Kinder. Nach Davos – mit einer jungen, sanften, freundlichen Erzieherin. Man erwies dem armen Ding damit zugleich eine Wohltat, denn sie war eine schwer Leidende, und sie ist auch die erste geworden, deren Namen mit einem schwarzen Kreuz in meinem Fremdenbuch den langen Zug des Todes eröffnet hat, der von da an mein Leben geleitet.
Eine Heimat habe ich seitdem nicht mehr gehabt. Bis zur Konfirmation das Pensionat mit seinen leidenden Insassen, meist Waisen oder Halbwaisen wie ich. Daß man mich durch die Übersiedelung aus dem Hause nach einem verseuchten Orte, – mich und manche andere vermutlich in bester Absicht – erst aus der Welt des Blühens in die des Vergehens gestoßen hat, ist mir übrigens feste Überzeugung geworden. Ich habe mich wenigstens ohne die Anzeichen der furchtbaren Krankheit, die ich ererbt haben sollte, gehalten, bis ich vierzehn oder fünfzehn Jahre alt war. Die ersten Fieberanfälle bei den rasch aufeinander folgenden Katarrhen waren ein Geschenk für die erwachende Jungfrau.
Und damit hat das Wandern von Sanatorium zu Sanatorium und jenen Hotels, in denen man Lungenkranke aufnimmt, begonnen – unterbrochen durch einen kurzen Aufenthalt in der jeweiligen Sommerfrische der Eltern, in Begleitung der eben lebenden Erzieherin oder später Gesellschafterin, unter sorgfältiger Beobachtung aller nur denkbaren Desinfektionsveranstaltungen, unterbrochen durch einen mehrtägigen Besuch der Mutter, zuweilen auch des Vaters, in meinem Winterasyl.
Ich kenne sie alle – Andreasberg, Badenweiler, Wehrawald – Ospedaletti, Mentone, Nervi, San Remo – Davos und wieder Davos. – Im Grunde, wenn das Fieber schlief, ein sorgloses Leben voll äußeren Behagens. Ich bin nur in den teuersten und vornehmsten Anstalten und Hotels gewesen, dank dem Reichtum von meinem verstorbenen Vater her. Um mich herum ein buntes, internationales Treiben, eine verzärtelte Kultur, viel unbeschützte Jugend neben den lebenserfahrenen reiferen Leidensgenossen. Allen gemeinsam eine gesteigerte Lebens- und Liebesgier und allen gemeinsam der Tod im Nacken. Ich habe von allem gekostet, innerhalb der Grenzen, die ein gewisses, wohl ererbtes Schicklichkeitsgefühl meinem Temperament immer gezogen hat, und der Gesamtinhalt dieser Jugendjahre ist überhitzter Flirt, überhitzte Fröhlichkeit, überhitzte Trauer und Einsamkeit – Einsamkeit – Einsamkeit....
Mit einer kurzen Unterbrechung.
Ich taste jetzt manchmal mit scheuen Händen in dieser Erinnerung herum, die mich noch vor einem Jahre bis dicht vor den Abgrund der Selbstvernichtung riß.
Heute, in diesem Augenblick, ist es mir sogar beinahe Bedürfnis, mir Walter Hertog hierher zu rufen, ihn vor mir zu sehen, wie ich ihn in Arosa zuerst sah. Groß, schmalschulterig, damals noch sehr aufrecht – ein Römerkopf mit brennenden Augen und einem Zug so verbitterten Leidens um den schmallippigen Mund, daß mir jetzt noch bange wird, wenn ich daran denke.