Von dem Fräulein von Terkuhn war nichts mehr zu spüren ...

Nach zehn Jahren

Wie ein Fremder in eine fremde Stadt zog Doktor Wilhelm Born an einem kühlen Septembernachmittag in Eyslau, seinem Geburtsnest, wieder ein.

Niemand erwartete ihn. Die wenigen Personen auf dem Bahnsteig sahen ihm nach wie einem Unbekannten, der weiter nichts Auffälliges oder Interessantes an sich hat, und auch er streifte sie mit den gleichgültig übersehenden Blicken des Wandernden, der nur körperlich und ohne inneres Aufmerken um sich schaut.

Dem kleinen, zerlumpten Jungen, dem er seinen vielgebrauchten Handkoffer auflud, gab er an:

»Nach dem Grünen Kranz zur alten Frau Born.«

»Is kein Wirtshaus mehr,« sagte der Bursche.

»Weiß ich, vorwärts,« lautete der kurze Bescheid. Der Junge sah ihn groß an und setzte sich in Trab. Er selbst ging langsam hinterher. Durch die Bahnhofstraße mit ihrer kümmerlichen Kastanienallee, deren Bäume halb entblättert und zerzaust in dem kalten Winde schwankten. Durch die enge Badergasse, in der ein hoher Getreidespeicher mitten unter kleinen Armeleutshäuschen aufragte. Dann kam der Markt, ausgestorben und kahl, ein Tanzplatz für zusammengewirbelte Herbstblätter, und nun rechts hinauf die Grüne Straße, aus der schon Dämmerungsschatten stiegen.

Die Häuser, dürftig und grau, standen ziemlich dicht einander gegenüber. Sie waren alle gleichmäßig aufgebaut und getüncht und alle gleichmäßig kahl. Das vierte hatte neben dem Hauseingang einen großen Torweg, der mit einer schiefen, fahlroten Holztür verschlossen war.

Da blickte Doktor Born auf, lohnte seinen Kofferträger ab und ging durch die Einfahrt auf den Hof. Hier, am Fenster der großen Stube, die den Anbau ausfüllte, saß in einem braunen Großvaterstuhl die alte Frau Born. Sie hatte die Brille auf der Nase und das Strickzeug in den verkrümmten Gichthänden. Ein Ausdruck von Zufriedenheit lag auf dem alten Gesicht ... Nun hob sie es langsam und gewahrte den Draußenstehenden. Verwundern, Erschrecken, Erkennen flogen darüber hin, und zuletzt, wie ein aufflackerndes Licht, ein frohes Lächeln.