Da ließ Doktor Born den Koffer fallen und lief in die dämmerige Stube hinein. Er nahm die alte Frau an seine Brust und drückte sie fest an sich.

»Gott sei Dank, daß du noch da bist, Mutter!«

»Du – du –« sagte sie, sich freimachend. »Beinahe hätt' ich dich nicht erkannt ... Herrgott, ich dacht' ja, der Vater stand draußen ... Und schon graue Haare? ... Und nun wirst du hier zu Hause doktern? Jung', Jung' ... zehn Jahre! ... Wir dachten, du wolltst erst am Freitag kommen. Zu tun wirst du schon haben. Der alte Sanitätsrat hatte ja die meisten ... Zu dem Doktor Heymann gehn sie ja nicht. Bloß die paar Kathol'schen und die Juden ... Konnt' das nicht der Vater erlebt haben? ... Der Wilhelm! Und hier bei uns Doktor!« So und mehr schwatzte das alte Weibchen und lief dabei in der Stube herum und rückte hier an den birkenen Stühlen und glättete dort das gehäkelte Deckchen auf der Kommode und blieb zuletzt vor dem Sohn stehen, der sich in den Großvaterstuhl gedrückt hatte.

»Ja, Mutter, da wären wir also zu Hause ... Gut gegangen ist mir's gerade nicht. Geschuftet hab' ich mir das Fleisch von den Knochen.« Er streckte einen vermagerten Arm vor. »Jünger bin ich auch nicht geworden, und herausgekommen ist gar nichts dabei.«

»Na, jetzt bist du doch in schönem Amt und Brot,« sagte die Mutter. »Und hier legen sie ja alle was zurück. Essen mußt du bei uns, wenn du vorlieb nimmst, Wilhelm ... Wohnen? Das wird hernach ja wohl nicht gehn.«

»Nein, das ist schon alles abgemacht, Mutter. Als mir der Sanitätsrat schrieb, daß er fortgehen wolle, und mir seine Praxis anbot, hat er mir auch vorgeschlagen, seine Wohnung zum Teil zu übernehmen. Das ist bequem und gut so ...«

»Also da ... am Markt? Beim Kürschner Bartke? ... ja, ja ...«

Die blöden alten Augen wurden vor Stolz naß. Sie trocknete sie mit dem Handrücken ... »Ja, ich dacht', du wollt'st schreiben, wenn du kommst ... Aber deine Stube haben wir schon zurecht ... Betten bezogen und alles. Die Käthe sagte gleich: »Der kommt ungemeldet.«

Der Doktor stand auf und ging eine Weile schweigend im Zimmer umher. »Noch der alte Flickenteppich,« sagte er dann. »An dem hab' ich nähen geholfen ... Ja, die Käthe ist nun also ganz bei dir, schreibst du? ...«

Die Mutter nickte: »Ja, gottlob ... Es bringt sich doch alles ein ... Was hat der Vater damals geredet und geredet ... weißt du noch? Wie der Kantor Müller starb, und die Marjell, die Käthe, mitten im Lehrerinlernen, und nichts mehr da, daß sie's zu Ende bringen konnt' ... Na, und da sagt' ich zu Vater ... Nein, Born, sagt' ich, das Kind übernehm' ich, und wenn ich's mir am Mund absparen sollte ... Und ist es nun nicht gut für mich, daß ich sie auf meine alten Tage hab'? ... Ich brauch' mich nun nicht mehr viel zu rühren ... das heißt, ihr ist es auch wohl ... Sie hat sich mit ihrem kranken Herz schändlich abrackern müssen, wie sie noch Gouvernante war ... Gottchen, die weiß ja noch nichts! Herrje, ich hol' sie schon.«