»Wilhelm ...«
»Sieh mal, du erkennst mich also gleich?« sagte er mit nicht ganz freiem Ton. »Und ich hätte an dir ruhig vorbeigehn können ... Du mußt damals doch noch ein Kind gewesen sein ... Jetzt bist du so groß wie ich ...«
Sie richtete sich höher auf und sagte nichts. Die Hände auf dem Rücken sah sie ihn voll an.
Unter seinen matt neugierigen Blicken verfinsterte sich ihr blasses, großzügiges Gesicht. Die Augen funkelten, der üppige Mund zog sich zusammen, und der Atem drängte sich gepreßt über die Lippen.
Auch sein Ausdruck veränderte sich. Statt des verlegen freundlichen Lächelns, das durch tiefe Kummerfalten melancholisch eingeschränkt war, überzog zuletzt eine gemachte verletzende Gleichgültigkeit sein hageres Gesicht, und seine scharfen, kleinen Augen hefteten sich fest an die ihren.
So standen sie sekundenlang ohne ein Wort.
Dann trat der Doktor einen Schritt näher.
»Sag mal, Käthe, was soll das eigentlich heißen? Wir starren uns an wie ein paar Feinde, und waren doch gute Kameraden ... Ich komme ganz friedlich ...«
»Nach zehn Jahren,« stieß sie höhnisch hervor. »Und was für Jahren!«
»Ja,« sagte er, »Käthe, das ist nun mal nicht anders im Leben. Wir haben eine schöne Zeit zusammen verlebt – der Sommer war schön, wir beide jung, und gaben uns gegenseitig, was wir hatten.«