Sie wies auf einen nassen, nichts weniger als eleganten Schirm, der in der Garderobe stand.
»Teufel auch ... also eine Bettelei ... Aber Lina! Besser aufpassen! Die gnädige Frau ist viel zu unwohl, um sich Strapazen mit Fremden auszusetzen. Das wissen Sie doch ...«
Die treue Lina schüttelte den Kopf.
»Gnädige Frau machte eben die Salontür auf, als ich öffnete, und nahm das Fräulein selbst in Empfang. Es scheint gar keine Fremde. Ich hatte im Nebenzimmer das Fenster zu schließen ... die Damen sprachen sehr laut von Ostpreußen, und die gnädige Frau war auch sehr lebhaft ...«
Herr Doktor Lohrer sah nachdenklich vor sich hin und ging dann achselzuckend fort sich umzukleiden, während die treue Tina im Nebenzimmer noch ein Fenster schloß.
In dem kleinen, grünen Salon, einem von berühmter Künstlerhand auf die Erscheinung der Hausfrau gestimmten Raum, saßen in wahrer Treibhaustemperatur und in einer von einer Fülle mattfarbiger Chrysanthemen überhangenen Ecke – Frau Erika blaß, fröstelnd und hustend, mit ihrem Besuch, einem frischen, blondhaarigen Mädel in braungrauem Hängekleid.
Frau Erika hörte meist zu, sprach aber, wenn sie etwas sagte, mit mehr innerem Anteil, als es sonst in ihrer Art lag.
Kein Wunder ... Das Mädchen war die jüngste Tochter eines Hauses, in dem vor Jahren, als die Eltern noch lebten, die junge Erika in Jugendfrohsinn und Glückstraum unvergeßliche Tage verlebt hatte.
Jene Beziehungen waren längst abgebrochen. Die befreundete Familie auseinandergestoben, und die damals sechsjährige Kleine lebte allein hier in Berlin und studierte Musik.
Die bittere Not einer erkrankten Studiengenossin hatte sie nach langem Überlegen veranlaßt, das Lohrersche Haus aufzusuchen und die Hilfe der Frau zu erbitten, deren Name unter keiner der glänzenden Wohltätigkeitsveranstaltungen fehlte.