Die Angelegenheit war, nachdem Frau Erika sich von dem ersten Staunen erholt hatte, rasch erledigt. Der lungenkranken Patientin sollte geholfen werden. Nun waren in raschem Gespräch, dessen Kosten Fräulein Marta trug, vergessene Namen, verschwundene Gestalten, an deren Wiederkehr sie nie gedacht hatte, in Frau Erikas Erinnerung aufgetaucht, und ein Schimmer der untergegangenen Jugendsonne begann hier und da aufzuglänzen.
Sie vergaß darüber die quälende Influenza, die sich steigernden Schmerzen beim Atmen und hörte mit träumerischem Interesse zu.
»Ja und wissen Sie, gnädige Frau,« sagte das junge Mädchen mit ihrem stark ostpreußischen Tonfall, »was ich auch nie vergessen habe? ... Wie Sie damals, vor unserem Ball in die Kinderstube kamen ... noch nicht angezogen, in einem weißen Spitzenunterrock und langem Frisiermantel ... Ganz toll lustig waren Sie und sangen: »Da kam aus dem Wasser ein großes Krokodil ...« Und wie es weiterging: »Galopp, Menuett und Walzer, wer weiß, wie das geschah!« ... Da nahmen Sie mich auf den Arm, und wirbelten mich durch die ganze Stube ... und da bekamen Sie so das Lachen, daß wir beide hinfielen und gar nicht mehr aufstehen konnten!« ...
»Ich? ...« sagte Frau Erika verwundert ... »das war wirklich ... ich? ...«
»Na ja, freilich!« lachte Fräulein Marta, »der feine Schlußrefrain ist mir ja dann auch Leitmotiv geworden: »Gelobet seist du allezeit, Frau Musika! ...«
»Ja richtig ... Sind Sie denn schon weit? ... und wo studieren Sie eigentlich?« ...
Da erzählte Fräulein Marta, und ihr glühendes Gesicht fing an zu strahlen.
Sie liebte ihre Kunst und ihre Arbeit ... Ach, wie heiß sie sie liebte! ... »In all dem knappen Leben ... ostpreußische Gutsbesitzer ... Sie wissen ja ... und wir waren sechs Geschwister ... aber man freute sich doch auf jeden neuen Tag ... Wenn man mal ein Mittagessen überschlug, hatte man eine Mark für ein Busoni- oder d'Albertkonzert und konnte sich dann gar träumen, daß man an ihrer Stelle steht ... Überhaupt, wie war das wundervoll! ... Von einem Traum immer in den anderen geworfen ...«
Frau Erika lächelte beklommen und hustete.
Das junge Mädchen stand auf.