»Verzeih ... ich ließ mich vielleicht wirklich etwas gehen ... das Scheusal da ist aus Versehen stehen geblieben ... Ein Überbleibsel aus meiner Kinderzeit ... ich will mir's aufbewahren« ...
»Aber möglichst unsichtbar, wenn ich bitten darf ... Und, – daß du dich auf deine Verpflichtungen besinnst und dich nicht hängen läßt, liebes Kind, freut mich, – ist aber wohl selbstverständlich.«
»Und du bist überzeugt, daß es sehr wichtig ist?« fragte Frau Erika, ohne Ton in der Stimme.
»Das ist doch keine Frage! ... Es hat Mühe genug gekostet, dich dahin zu lanzieren ... Da wir leider keine Kinder haben, will ich wenigstens für meine Person und für deine natürlich ... aber warum das immer wiederholen. Wir sind ja einer Meinung und haben uns oft genug darüber ausgesprochen ...«
Dieser in bösen Stunden immer wiederkehrende Hinweis auf ihre Kinderlosigkeit, vereint mit dem Vorwurf über ihren Mangel an Vorsicht bei jenem schrecklichen Unfall, der ihnen das Kind geraubt hatte, wirkte jedesmal auf Frau Erika, als ob sie zu Boden geschlagen würde. Wenn sie sich dann erhoben hatte, ging sie wieder gehorsam den gemeinsamen Weg.
Er war übrigens in ihren eigenen, wie den Augen der Welt weit entfernt davon, ein Dornenweg zu sein ...
Nach dem Lunch, als Herr Doktor Lohrer längst fortgegangen war, hatte Frau Erika noch ein paar Schwächeanfälle, Frost- und Hitzeschauer. Wenn sie dann die Augen zumachte, wollte sie sich von neuem die beruhigenden Bilder vergegenwärtigen, die sich gestern beim Anblick des alten Porzellankopfes eingefunden hatten.
Sie holte ihn auch wieder aus dem Schränkchen hervor, in dem sie ihn verborgen hatte, aber heute stand er einfach in seiner kulturlosen Häßlichkeit da und wollte ihr nichts Schönes erzählen.
Im Gegenteil – die Gedanken irrten von ihm ab zu verbotenen Wegen, auf denen einstmals alle Schrecknisse des Menschenlebens, Unglück, Sorge, Schande und Verlassenheit über sie hatten herfallen wollen ...
Und das waren Töne, die hier nicht anklingen durften ... Mit Gewalt mußten sie vertrieben werden ... Ein ander Bild ... ein frohes ... Galopp, Menuett und Walzer ... Nein, das war ja nicht jenes Lied, das sie als Kind mitgesungen hatte, wenn in den Sommerferien alt und jung vor der Tür des Lotsenhäuschens zusammensaß ... Das hieß doch: »Morgen, da geht's in die brausende See ... morgen, da geht's in die brau ... au ... sende See ...«