Das ist eine Musik! Sie dreht einem die Seele im Leibe herum, sie lockert alle Gelenke, die Füße heben sich wie von selber im Takt; es geht gar nicht anders, man muß mit, muß hüpfen, springen, da hilft kein Widerstand. Alte werden zu Jungen, Gichtgeplagte zu munteren Böcklein. Fünf Schritte vor und drei zurück – man kommt nicht aus der Stelle und springt doch so hoch, springt, springt, springt – fünf vor und drei zurück. »Heiliger Willibrord, bitt für uns! Bitte für uns, heiliger Willibrord!«
»Heiliger Willibrord!« Hinter Bäreb schrie eine gellend laut. Das war die Blonde! Bäreb erkannte die Stimme gleich; sie mußte sich wenden, sie verfehlte dadurch einen Sprung, sie kam aus der Reihe – nun war sie nahe der Schreienden. Widerwillig guckte sie hin und war doch gezwungen, unverwandt hinzusehen. Was schrie die so laut, was sprang die so hoch?!
Über das rote Gesicht der Blonden lief stromweis der Schweiß, den Hut hatte sie verloren. Alle die großen Haarnadeln spießten ihr aus dem Haar; jetzt fielen die mächtigen Zöpfe herunter, bei jedem Sprung patschten sie auf den Rücken. Die Eifrige hatte keine Zeit, sie wieder aufzustecken; sie hatte sich mit Mutter und Tante angefaßt, aber nicht an den Händen, sie hielten je ein leinenes Handtuch zwischen sich.
Und Bäreb sah, daß es viele so machten; die Schuljungen hielten die Kittelchen zwischen sich, die Mädchen Taschentücher, viele Männer benutzten ihre Röcke dazu, die Weiber ihre Schürzen; was sie gerade hatten, nur mußte es stark sein, daß es nicht riß beim gewaltigen Zupfen und Zerren. Wie in einer Schaukel ging’s auf und nieder. Bald schwuppte die Welle der Springer zur Linken und bald zur Rechten. Straff wurden die Tücher gespannt, wo einer strauchelte, riß man ihn daran wieder in die Höhe.
Bäreb sprang ganz allein; sie hatte sich mit niemandem angefaßt, sie hatte ja auch gar keine Hand frei gehabt, der Dores hing ihr am Halse. Schon wurde ihr der rechte Arm, auf dem er saß, schwach, sie mußte die linke Hand noch stützend unterhalten. Fünf Schritt vor und drei zurück. Sie machte gewissenhaft den vorgeschriebenen Sprung – ach, daß sie nur besser dabei beten könnte! »Heiliger Willibrord, bitt für uns! Wir bitten dich, heiliger Willibrord, erhöre uns!« Ihre Lippen bewegten sich; sie murmelte, wie alle unausgesetzt murmelten, aber ihre Gedanken fuhren umher. Sie hatte den Heiligen so inbrünstig bitten wollen, dem Dores zu helfen, der Mutter zu helfen, – nun dachte sie gar nicht daran. Die Schreie der Blonden gellten ihr im Ohr.
War die denn nicht recht bei Trost, daß sie so hopste?! Von Mutter und Tante hatte sie sich losgerissen, Sprünge machte sie eine halbe Elle hoch; den Mund hielt sie offen, die Augen drückte sie heraus, wie Schaum trat der Speichel ihr auf die Lippen. Die Zöpfe waren ihr jetzt ganz aufgegangen, die losen Haarsträhnen züngelten wie Schlangen bei jedem Sprung. Oh, das war gräßlich anzusehen!
»Heiliger Willibrord, bitt für uns!
Bitte für uns, heiliger Willibrord!«
Ah, sieh da, die ganz alte Frau mit dem uralten Mann! Bäreb blieb vor Staunen der Mund offen. Ein altes Pärchen überholte sie. Sie mit schlohweißem Haar, und er mit schlohweißem Haar; sie hielten sich an den Händen, sie sprangen so sicher im gleichen Takt, sie brauchten keinen anderen verbindenden Halt. Ordentlich schön sah sich das an; die alten Gesichter unterm weißen Haar stachen so freundlich ab gegen die glühenden, verschwitzten rund um sie her. Ei, die konnten es gut, die sprangen gewiß schon zum hundertsten Mal!
Bäreb fühlte sich lahm werden. So jung sie war, sie war doch müde, der Dores war schwerer, als sie gedacht hatte. »Heiliger Willibrord!« Sie tat einen Stoßseufzer. Das blonde Mädchen war ihr schon aus dem Gesicht, auch der Greis und die Greisin; andere Gesichter tauchten auf und tauchten unter um sie her, andere Gestalten.