Mit Schnedderengdeng spielte die Musik den Springprozessionsmarsch. Die Gemeinden hielten sich zusammen, vorn ein Musikkorps, hinten ein Musikkorps, keines stimmte zum andern; wenn das eine den Anfang blies, fiedelte das andere gerade den Schlußsatz. Aber im Wirrwarr der Töne, im Durcheinander der Instrumente – Pfeife und Geige, Trompete und Flöte, Trommel und Harmonika, Pauke und Cymbel – rang doch die Melodie sich siegreich durch, sprangen doch die tausend und abertausend Füße gemeinsam:
›Adam hatte sieben Söhn’,
Sieben Söhn’ hatt’ Adam!‹
An den Fenstern der Häuser drängten sich Zuschauer; sie hingen zu den Fenstern hinaus, förmlich übereinander. Bäreb sah nicht hinauf zu ihnen, sah nicht, daß viele nach ihr hingafften. Es blieb ein wenig Platz hinter ihr und ein wenig vor ihr, sie sprang so ganz für sich allein; das willenlose Haupt des Knaben baumelte ihr über die Schulter, in einem schmerzlichen Erstaunen waren ihre Augen weit aufgetan. Sie bemerkte es gar nicht, daß sich blitzgeschwind mehr als ein Kodak auf sie richtete. Man photographierte einzelne Gruppen der Springprozession, man photographierte auch sie.
»Heiliger Willibrord, bitt für uns!« Mit starkem Anruf stürmten neue Springer heran.
Ein Brummen von Tönen, ein Summen von Gebeten umschwirrte Bäreb. Sie sah bekannte Gesichter: da war die Frau mit dem Kropf! Da der dicke Mann! Die Frau mit dem Kropf sprang an der linken Flanke einer Reihe von Weibern, ihren Henkelkorb hatte sie noch am Arm, mit der freien Hand hielt sie sich an der Nachbarin; sie jappte und ächzte, ihr dicker Kropf schütterte bei jedem Sprung, er baumelte ihr am Hals wie ein schweres Säckchen. Ah, und der Dicke! Josef Maria, wie sah der denn aus?! Bäreb fühlte ein heftiges Mitleid; sie hätte ihm gern ihren Arm zur Stütze geboten, aber sie konnte ja nicht, sie hatte genug am Dores zu schleppen.
Sie kam dem Dicken jetzt vor, aber sie wendete den Kopf noch ein paar Mal nach ihm. Ach, der freundliche Mann, der sie mit Bier und Wurst traktiert hatte, jetzt sah er gar nicht mehr freundlich aus! Den Kragen riß er sich vom Hals, als würge ihn der, den Rock riß er voneinander, als quetsche der ihm den Leib ein. ›Heili – ger – Willi – brord!‹ Sie hörte ihn stöhnend beten. Er stammelte immer nur eine Silbe zwischen zwei schnappenden Atemzügen. Er trocknete sich nicht einmal das Gesicht ab; das rotgelbe Sacktuch hielt er wohl in der Hand, aber gebrauchen tat er’s nicht mehr, er ließ das rinnen, was wie ein Bächlein von ihm ablief an Angstschweiß. Auch Bäreb schwitzte.
Wer sollte heute nicht schwitzen? Wie Feuer fällt es vom Himmel, hinter den Wolken sticht die Sonne herab und sengt durch die Kleider. In einen undurchdringlichen Dunst von Staub und Schweiß gehüllt, hüpfen die Springer. In den engen, überfüllten Gassen, die die Prozession durchwogt, fächelt kein Lufthauch. Bleischwer die Luft, bleischwer die Glieder, dumpfer das Beten.
»Heiliger Willibrord, bitt für uns,
Erlöse uns, heiliger Willibrord!«