Schon versagen ein paar. Eine junge Frau schwankt, schwach werdend, aus der Reihe; man lehnt sie gegen ein Haus, man labt sie, man setzt ihr einen Stuhl vor die Haustür, aber sie nimmt ihn nicht an, sie rafft sich auf. Schon springt sie wieder, sie schließt sich einer neuen Reihe von Weibern an.

Fester umklammern die verschwitzten Hände die verbindende Brücke, zu Stricken sind Röcke und Tücher zusammengedreht; die gesteiften Hemdärmel der Männer sind schlapp geworden, die Hüte der Frauen sind ins Genick gerutscht, das Haar hängt in Strähnen. Erschöpfung, Ermüdung auf allen Gesichtern, aber –

›Adam hatte sieben Söhn’,

Sieben Söhn’ hatt’ Adam –‹

fünf Schritte vor, drei Schritt zurück. Wer den Sprung nicht gewissenhaft tut, findet keine Erhörung. Und noch sind so viele Sprünge zu springen, ehe man vom Vulpert her durch die Schulergasse den Willibrordusbrunnen erreicht hat und die Treppe zur Pfarrkirche, die der steilen Stufen dreiundsechzig zählt. Ein Weg, zwölfhundertundfünfzig Meter lang, dreifach, nein, fünffach zu machen!

Wenn die Musikanten Luft schöpfen, den Speichel aus ihren Trompeten schütteln, wenn das sinnverwirrende Chaos von Tönen ein paar Augenblicke schweigt, dann verschnaufen sich die Springer. Sie ringen nach Luft, sie stöhnen beim Atmen, sie zittern, sie ächzen: »Heiliger Willibrord!« Wasser und Wein in Krügen und Eimern, Limonade in Kübeln wird gereicht aus den Häusern; die Bürger von Echternach laben die Springer. Mit Gier reißt man dem Spender den Krug aus der Hand, man schluckt, man schüttet das Naß in sich hinab, man säuft wie ein Tier, das am Verschmachten ist, ohne Besinnen; man gießt sich das Wasser schier über den Kopf. Volle Eimer sind in Augenblicken geleert, nichts ist kühlend genug, nichts ist durstlöschend. Feuer vom Himmel, Feuer in der Kehle, Feuer im ganzen Gebein; aber auch Feuer im Herzen.

›Adam hatte sieben Söhn’ –‹

Kaum daß die Melodie sich wieder erhebt, so tritt man auch schon wieder zum Tanze an; man ist entbrannt, zu springen, man ist entflammt zum heiligen Willibrord.

Lauter erheben sich die Gebete. Je matter die Füße werden, desto inbrünstiger die Litaneien. Die Sonne gibt keinen Schein mehr, unter dem bleiernem Himmel gellen die Anrufe: »Heiliger Willibrord, höre uns! Heiliger Willibrord, erhöre uns! Heiliger Willibrord, erlöse uns!«

Die Röte der Gesichter ist verblichen; heiß sind sie noch, aber blaß sind sie geworden, sehr blaß. Hier wankt einer halb ohnmächtig, vom Nebenmann rechts und vom Nebenmann links unterm Arme gehalten; er hat die Augen geschlossen, er sieht nicht mehr, er hört nicht mehr, aber er springt – er springt.