Dort hat ein Epileptiker seine Zuckungen wieder, er rollt mit den Augen, seine Glieder schlenkern, noch springt er im Takt. »Heiliger Willibrord!« Mit schäumendem Mund stürzt er jäh hin aufs Pflaster. Man läßt ihn liegen, es rasen die Waller an ihm vorbei, sie treten ihn fast unter die Füße.

›Sieben Söhn’ hatt’ Adam –‹

Man muß springen, springen. Weiter, immer weiter im Takt – fünf Schritte vor, drei wieder zurück – heiliger Willibrord, heiliger Willibrord!

Bäreb fühlte ihr Herz klopfen, als hämmere ein Hammer darin. »Heiliger Willibrord!« Sie schrie es laut vor Angst. Kam denn noch immer der Brunnen nicht? Und dann die Treppe? Wie lange sollte das Springen noch währen? Sie konnte nicht mehr. Wie Blei drückte der Bruder auf ihrer rechten Schulter, sie warf ihn auf ihre linke herum. Heiliger Willibrord, hilf! So ging’s wieder ein Weilchen. Wie Schwalben im eiligen Flug den Gewitterhimmel durchqueren, so durchschossen Gedanken ihr betäubtes Hirn: warum sprangen denn alle die Leute hier wie die Tollen? Tat’s denn nicht ein Wallen zum Gnadenbild auch, oder ein frommes Gebet zu Gott oben im Himmel? Nein, nein – fünf vor und drei zurück – heiliger Willibrord, heiliger Willibrord – Adam hatte sieben Söhn’, sieben Söhn’ hatt’ Adam – wer nicht sprang bis zuletzt, die Treppe hinauf, zur Kirche hinein, durchs linke Schiff bis zum Chore hin, bis zum Grabe des Heiligen und um dieses herum, und weiter, immer weiter, durchs rechte Schiff der Kirche wieder hinaus, und unter die Kastanien und Linden, die draußen stehen, und dreimal ums große Missionskreuz herum, der hatte seine Wallfahrt nicht wohlgetan!

Bäreb nahm all ihre Kräfte zusammen; jetzt zog nichts, weder rechts noch links, weder vor noch hinter ihr, ihre Gedanken mehr ab.

An ihrem Hals greinte der Bruder. Sie preßte ihn krampfhaft mit beiden Armen fest. So wollte sie ihn emporheben, so dem Heiligen hinhalten, daß der ihn auch sah!

»Heiliger Willibrord, heiliger Willibrord!« Der Schrei steckte an; sie schrie wie die anderen. Wie Rasende stürmten die Weiber dahin, sie wollte die Letzte nicht sein. Voran, zum heiligen Willibrord, wer sich ihm naht, den erlöst er! Einer Trunkenen gleich stolperte sie sinnlos weiter; sie waren alle im Rausch. Die schwirbelnde Tanzmusik hatte alle erfaßt, die riß auch die zum Tod Matten mit weiter. Da – einen Augenblick stockte der tanzende Marsch.

Ein Mann lag am Boden; er lag wie gefällt, blaurot im Gesicht. Oh, der Dicke! Von einem flüchtigen Bedauern durchzuckt, erkannte ihn Bäreb. Aber –

›Adam hatte sieben Söhn –‹

schon hüpfte sie weiter; sie dachte seiner nicht mehr.