Sie konnte nichts denken, sie konnte nichts fühlen, sie konnte nur springen. Keine Ermattung empfand sie mehr, und nicht mehr die Last des Dores, federleicht dünkte der Knabe sie schier, sie sprang wie ein Fohlen.
Heiliger Willibrord, heiliger Willibrord! Jetzt war sie ihm nahe! Abgetreten schleppte ihr Kleidersaum, ihre Schuhbänder schleiften. So wie die Blonde mußte man’s machen! Jetzt sah Bäreb wieder. Aber was sie vordem entsetzt hatte, das bestaunte sie nun. Oh, so wie die, die rief den Heiligen gewaltig auf sich herab!
Wie eine Mänade flog das blonde Geschöpf. Es hatte sich die Taille aufgerissen, die Brüste quollen über den Leibchenrand, das rosige volle Fleisch glühte in zuckender Brunst. Mutter und Tante beteten laut, es beteten alle rund um sie her, sie übertönte alle: »Heiliger Willibrord, heiliger Willibrord!« Ihre Augen glühten in irrsinniger Lust. Ein Satz, und sie war am Brunnen vorbei – ein Satz, und sie flog die Stufen hinan. Hoch sprang sie, höher als alle, bis ans Knie schwuppten ihr die Röcke hinauf, als Mähne flatterte das gelöste Haar um sie her. Jetzt ein gellender Schrei, fast klang’s wie ein Brüllen: »Heiliger Willibrord!« Sie streckte die Hände aus – jetzt war sie fast oben – da – ein Gurgeln, ein Bäumen – Mutter und Tante packten noch gerade zu: da lag sie in Krämpfen.
›Heiliger Willibrord, bitte für uns,
Erlöse uns, heiliger Willibrord!‹
Um acht Uhr am Morgen hatten die Springer zu springen angefangen, jetzt war es zwei Uhr Nachmittagszeit; die Prozession war zu Ende, die unruhig hüpfende, antreibende, anfeuernde, beschwörende, betörende Melodie verstummt. Zwanzigtausend und mehr waren gesprungen. Nun sprangen sie nicht mehr, aber der Rausch war noch nicht verflogen.
In den Wirtschaften am Markt drängte es sich; solche, die sonst kaum einen Groschen hatten fürs Allernotdürftigste, heute hatten sie Geld. Sie aßen, sie tranken, sie ließen sich’s wohl sein, St. Willibrordus, der Wunder tut, der hatte auch sie erhört an seinem Feste. Wo war alles Leid? Es war vergangen.
Am St. Willibrordusbrunnen stand Bäreb und kühlte mit dem Wasser ihr erhitztes Gesicht und schlürfte mit brennenden Lippen. Auch dem weinenden Dores gab sie zu trinken, und er ward still. Vor ihr hatte ein Vater geschöpft und seinem Kinde den häßlichen Grind am Brunnen gewaschen; ihr ekelte nicht. Köstliches Wasser, heiliges Wasser! Es heilte alle Gebrechen. Feuerwehrleute schleppten einen Körper herbei, sie trugen ihn vorüber ins Kloster zum Guten Kind Jesu. Ach, der Dicke! Bäreb erkannte plötzlich den, den sie trugen. Und sie schöpfte rasch mit der hohlen Hand und rannte der Leiche nach und besprengte sie mit dem erlösenden Wasser.
Und dann dachte sie an den Klas. Er war noch nicht am Brunnen. Stundenlang hatte sie nicht seiner gedacht, nun aber; und noch in demselben Rausch wie vordem bebten ihre entflammten Sinne. Wenn er doch käme! Es verlangte sie heiß nach ihm. Sie mußte sich mitteilen, ihr Herz war zu übervoll. Heiliger Willibrord – Klas, Klas – wo blieb er denn?! Ah, da stand er ja! Sie stürzte auf ihn zu.